Harvey legte, ohne zu sprechen, das Haupt, der nun völlig bewußtlosen Frau in des Mädchens Arm, rückte ein Gefäß mit Wasser an das Bett und ging eiligst davon. Es dauerte lange, bis es Lily gelang, die Ohnmächtige ins Leben zurückzurufen.
Die Dämmerung war eingetreten, als Harvey mit dem Arzte endlich erschien. Die Untersuchung währte nicht lange.
»Die Frau bedarf der besten Pflege,« lautete der Ausspruch des Arztes, »sind Sie eine Verwandte?« seine Frage an Lily.
»Nein,« sagte sie rasch, »aber ich übernehme die Pflege!«
Harveys Augen hefteten sich fest auf Lilys Antlitz. Seine Lippen öffneten sich zum Protest, dann schien er sich zu besinnen. Das war eine Frage, die ohne die Anwesenheit des Arztes erledigt werden konnte, und so wartete er, schweigend in seiner Ecke verharrend, bis sich derselbe entfernt hatte. Dann trat er auf das Mädchen zu: »Sie werden die Pflege nicht übernehmen, ich bestelle eine Wärterin!«
»Das thun Sie nicht!« gab Lily mit ebenderselben Bestimmtheit zurück.
»Eine Pflegerin vom Fach ist hier notwendig!« behauptete er, und Lily stand plötzlich neben ihm und sagte in leisem aber entschlossenem Tone: »Bestehen Sie nicht darauf, Herr Harvey, ich bitte Sie darum!« Es lag etwas eigenartig zwingendes in ihrer Haltung, wenn sie diesen halbleisen energischen Ton anschlug. Herr Harvey antwortete nicht sofort. Er wandte sich von ihr ab und trat sinnend an das Fenster. Die Kranke schlief. Lily zog behutsam die Bettvorhänge zusammen, dann näherte sie sich langsam dem Fenster, an dem der Mann stand. »Herr Rechtsanwalt, standen Sie vorhin schon lange dort?« fragte sie. Er verstand sofort, daß sie mit dem »dort« die Thürschwelle meinte, von dem aus er die Worte der Kranken vernommen. Er bejahte. »Und Sie hörten, was Sie sagte?« Wieder bejahte er, und Lily senkte einen Augenblick die Lider, dann fragte sie stockend: »Ist das alles wahr, was sie sagte?« Er sah rasch auf.
»Fräulein Elsworth, warum fragen Sie mich? Sie wissen doch sicherlich am besten, wie viel davon verdient und wie viel ungerecht war!«
»Nein!«
Bei dem mit großem Ernste gesprochenen einfachen Worte sah er sie scharf an und begegnete ihrem voll zu ihm aufgeschlagenen Blick. »Nein?« wiederholte er fragend, »aber Sie sind doch darüber klar, daß nur Ihre vorherige Haltung Tom Warren gegenüber ihn zu der Rücksichtslosigkeit ermutigt haben konnte. Sie wissen doch bestimmt, daß der Ton, den Sie mit Männern anschlagen, ein herausfordernder, ein gefährlicher ist! Es thut mir leid, daß gerade ich Ihnen all diese bitteren Dinge sagen muß, während es nicht meine, sondern Ihrer Eltern Sache ist, Sie darauf hinzuweisen!«