»Ich habe keine Eltern!«

Es war wieder jener seltsame Ton, der so seltsam vibrierte und von verhaltener Empfindung sprach. Herr Harvey sah mitleidig auf sie herab.

»O, das wußte ich nicht. Ich bitte um Verzeihung!«

»Das sollen Sie nicht, Herr Harvey. Es wäre gut, wenn man mich öfter tadelte. Meine Eltern sind lange tot. Mich hat nie jemand auf eine Unziemlichkeit aufmerksam gemacht. Mein Großonkel, bei dem ich wohne, findet alles gut, was ich thue. Ich bin in einer Pension erzogen, in der man mich unbedingt lobte, und so war ich nahe daran, mich für ein ungefähr vollkommenes Geschöpf zu halten!«

Sie sprach die letzten Worte mit einem Anflug von Spott, und Herr Harvey blickte eine Weile schweigend ernst auf sie herab. Als er sprach, that er es wie jemand, der mit sich uneinig ist über die einzuschlagende Richtung: »Es ist traurig, was Sie da sagen. Es beweist, daß Sie nie darüber nachgedacht haben, was denn eigentlich unter dem Worte ›vollkommen‹ bei einem Weibe zu verstehen ist. Sie haben vielleicht niemals begriffen, daß die Art, wie Sie mit ihren Vorzügen umgehen, für Sie weder ehrlich noch verdienstlich ist. Sie wundern sich über die Dreistigkeit Tom Warrens, ich sage Ihnen, daß jeder einzelne Herr Ihrer Bekanntschaft, mit dem Sie so verkehren, wie ich es von Ihnen zu sehen in meinem eigenen Bureau Gelegenheit hatte, dieselbe Dreistigkeit bei Ihnen wagen würde und mit vollster Berechtigung, denn der Mann hat ein Recht darauf, ehrlich behandelt zu werden. Es ärgerte Sie, daß ich keine Billette von Ihnen nahm. Ich weigerte mich nicht aus Härte oder Mangel an Sympathie. Aber ein solcher Billetthandel, getrieben von jungen Mädchen, ist ein Markt für schöne Blicke und feines Lächeln, und jeder ehrenwerte Mann müßte schon aus Respekt für seine Schwestern und seine Mutter einen solchen Handel verhüten und zu verhindern suchen. Sie boten mir am Bazarabend Blumen zum Kauf, Sie sagten »für die gute Sache«. Ich sah Sie an, Ihre kleine Gestalt, Ihre hellen Augen, und ich sagte mir, daß es schade sei um so ein Wesen wie Sie. Schade, daß man Sie glauben ließ, es sei eine gute Sache zu nennen, wenn man seine kokettsten Blicke dem Meistbietenden anträgt. Ich bin mir an jenem Abend darüber klar geworden, daß ein Bazarverkauf in vollstem Sinne des Wortes verwerflich ist, und daß der Reinertrag, mag er so groß ausfallen, wie er kann, doch nur ein Raubgeld ist, das schon um der Art seines Entstehens halber nichts gutes stiften kann. Ein solcher Bazarverkauf ist ein Bildungsinstitut für weibliche Koketterie! Sie meinten den Grund von Mildthätigkeit nach dem messen zu können, was man in dem Bazar ankauft. Unter all den dort anwesenden Herren gab es nicht zehn, die aus gutem Herzen für den guten Zweck gaben. Sie gaben den schönen Augen der Damen ihr Geld!«

Herr Harvey schwieg. Er hatte sich in Eifer gesprochen, jetzt blickte er auf das Mädchen herab, das unbeweglich mit herabhängenden Händen und niedergegeschlagenen Augen vor ihm stand, und die Art, wie sie aufrecht ohne Halt, ohne Stütze in der Mitte des Gemaches wie angewurzelt verblieb, verlieh ihr in dem dunkelwerdenden Gemache etwas abgeschlossenes, verlassenes, einsames, das dem Mann zu Herzen ging. Er beugte sich zu ihr: »Ich hätte das alles vielleicht nicht sagen sollen,« flüsterte er weicher als Lily es noch gehört, »ich glaube, es waren Ihre eigenen Worte, die mich dazu ermunterten. Ich werde Ihnen nicht mehr wehe thun! Aber, mein Gott, was ist Ihnen?« Lily hob ihr Gesicht. Es war geisterhaft bleich. Im Begriff, etwas zu erwiedern, stürzten ihr plötzlich die Thränen aus den Augen und flossen unaufhaltsam an ihren Wangen herab, während ihre ganze Gestalt ein heftiges Zittern überkam. Sie tastete nach einem Stuhl. Herr Harvey hatte sie mit seinen Armen gestützt, er hielt ihre Hände, er sprach sanft mit ihr wie mit einem leidenden Kinde und eilte endlich hinweg, um unter den Bewohnern des Hauses eine gütige Hand zu finden, die sich der Krankenpflege Frau Warrens vorderhand annehmen sollte, bis er das erregte junge Mädchen nach Hause besorgen konnte.

Lily machte keine Einwendungen. Sie fügte sich; matt wie ein Kind vom vielen Weinen, ließ sie sich von ihm die Stufen des Hauses hinabgeleiten und in den bereitstehenden Wagen heben. Harvey saß neben ihr. Schweigend durchfuhren sie die dunkelgewordenen Straßen. Lily lehnte teilnahmlos in einer Ecke.

»Ist Ihnen besser?« fragte Harvey, kurz bevor sie hielten; Lily wandte sich ihm nicht zu und nickte nur still.

Der Wagen hielt. Sie standen nebeneinander auf der kleinen Treppe, auf der sich die Scene mit Tom Warren abgespielt hatte. Dachten sie wohl beide daran? Lily lehnte, während Herr Harvey die Glocke zog, an der Mauer, die sich zu beiden Seiten der Treppe entlangzog, und als Harvey sie ansprach, fuhr sie leicht zusammen.

»Darf ich Sie hineinführen?« fragte er.