Sie wandte den Kopf und sah ihn zum erstenmal voll an. Als sie sprach, klang ihre Stimme herb.

»Sie würden aus freiem Antrieb diese Schwelle wohl nicht übertreten haben, Herr Harvey?«

»Weshalb nicht?«

Sie lachte nervös: »Ich dachte nur, Sie würden doch niemals ein Mädchen aufsuchen, das so – das solche verderbten Eigenschaften hat, wie ich!«

»Es sind das nicht Eigenschaften, es sind die Folgen schlechter Erziehung. Es steht bei Ihnen, dieselben abzulegen, und ich bin überzeugt, daß Sie es auch thun werden!«

»Wirklich?« Lily rief das eine Wort grell, fast jubelnd heraus und ebenso rasch sammelte sie sich wieder und legte ihre Hände bittend zusammen. Ihre Augen schlug sie auf. Es perlten darin Thränen: »Ich möchte, daß Sie mich nicht mehr haßten!«

Harvey sah auf das Mädchen nieder. Was war's, was ihm plötzlich so heiß durchs Herz fuhr? Sich selbst im Unklaren über die Strömung in seinem Innern, ergriff er, ohne es zu wollen, fest die bittend zusammengelegten Hände und hielt sie in den seinen.

»Ich Sie hassen? Lily, das denken Sie ja selbst nicht!« Die Worte thaten es nicht. Es war in der Stimme etwas, was sie beide durchzuckte. Aus den blauen Mädchenaugen leuchtete ein eigenes Etwas, das dem Mann nachging und ihn verfolgte bis in sein Heim.


Herr Harvey saß in dem Arbeitszimmer seiner eleganten Wohnung. Er starrte in die verglimmenden Kohlen des Kamins und sann unaufhaltsam über Zukunft und Vergangenheit nach. Über dem Kamin hing das kleine Ölbild des Weibes, das er geliebt. Die nächtigen Augen, tief und schwermutvoll innig, schienen ihm heute ernster denn je. Die letzten Jahre seines Lebens traten ihm tageshell vor die Seele, die drei Jahre der trostlosen Herzenseinsamkeit, die er durchlebt. Sein Geist schweifte zurück in die Vergangenheit. Er durchlebte sie wieder, die glücklichen und zugleich unendlich traurigen Tage seiner Liebe. In Genf war er ihr begegnet; es war in einer mondhellen Nacht, die Atmosphäre schwül und drückend. Er war in einem Kahn hinausgerudert auf den See. Plötzlich ertönte ein Lied an sein Ohr, ein schwärmerisches Negerlied, das ihn an seine Kindheit erinnerte – so hatte einst seine Mutter gesungen. Die weichen, sehnsüchtig klagenden Töne hörte er seit jener Zeit zum erstenmal wieder, sie riefen längst entschlummerte Erinnerungen in ihm wach. Die erste Strophe war beendet, da hob er seine Stimme, kräftig und voll, und sang den zweiten Vers. Tiefe Stille. Er horchte gespannt, da hörte er wie die Ruder eines zweiten Kahnes mit Hast gehandhabt wurden und plötzlich glitt derselbe, eine weibliche Gestalt bergend, dicht an den seinen heran. Der Mond warf sein silbernes Licht auf ein dunkles sirenenhaftes Weib, welches vom Mondenlicht umflossen in ihrem weißen Gewande und den dunklen herabfallenden Flechten märchenhaft schön erschien. Mit der eidechsenhaften Grazie südländischer Frauen kreuzte sie, als sie das kleine Fahrzeug neben das seine gebracht hatte, die Ruder und rief, den Oberkörper vorneigend, mit tiefklingender Stimme ihren Gruß. »Ein Ruf aus der Heimat! Wer Sie auch sein mögen, ich danke Ihnen!« So war es gekommen, so hatten sie sich gefunden.