Nita hatte, ein halbes Kind noch, konventionellen Rücksichten folgend, einem älteren Manne die Hand gereicht. Die Ehe ward, durch die Altersverschiedenheit zuerst, dann durch den gänzlichen Mangel an Herzensinteressen zu einer unglücklichen. Der Gatte Nitas starb. Nita kränkelte; man schickte sie ins Ausland; sie lebte mit ihren beiden Kindern in der Schweiz, als ihr Harvey begegnete.
Zum erstenmal in ihrem Leben lernte sie die Liebe kennen. Mit aller Kraft ihres Herzens liebte sie den Mann, der nur noch den einen Wunsch hatte, Nita zu seinem Weibe zu machen. Diese Hoffnung scheiterte an der Krankheit Nitas. Was half's, daß er ihr zuschwor, ihr nie von der Seite zu gehen, sein Leben dem ihren zu weihen? – sie brach zusammen, sie welkte dahin. Es war in Italien; Nita lag schwerkrank darnieder, der Tod forderte sein Opfer. Die ersten Strahlen einer aufsteigenden goldigen Sonne fielen auf ein bleiches schönes totes Antlitz, auf eine kleine braune Hand, die noch im Tode wie liebkosend auf dem dunkeln Scheitel des Mannes lag, der ohne einen Laut am Bette zusammengebrochen war, und auf zwei kleine ängstliche Kindergesichtchen, die erschreckt Hand in Hand an der Thüre standen und leise »Mama« riefen.
Seine Stimme war es, die sie tröstete, sein Haus, das sie aufnahm. »Ich sterbe ruhig, wenn ich sie bei dir weiß,« hatte sie am Tage vor ihrem Tode gesagt, »sei ihnen ein Vater und versprich mir, eine jede Regung von dir zu weisen, die dich der Liebe zu den Kindern abwendig macht und der Erinnerung an mich. Versprich das deiner Nita und behalte sie lieb!«
Die einschmeichelnde Stimme war verhallt. Er war mit den Kindern in das Heimatland zurückgekehrt. Marie Müller, die sorgsame Erzieherin der Kinder, hatte ihn begleitet. Der Kummer hatte seine Spuren bei ihm zurückgelassen. Aus dem heiteren, herzlich warmen, jugendfrischen Richard war ein ernster, wortkarger Mann geworden, der seinen Pflichten lebte und die Gesellschaft mied. Die Zeit, die allein heilbringende, gab ihm mit den Jahren die Resignation. Mit zurückgelehntem Kopfe lag er in dem Sessel vor dem Kamine. Sein Blick hing an den Zügen der Verklärten. Die Lippen auf dem Bilde schienen zu sprechen: »Weise jede Regung von dir, die dich der Erinnerung an deine Nita abwendig macht.« Er sprang auf und trat vor das Bildchen hin. Wie um eine in ihm laut werdende Stimme zu unterdrücken sprach er fest und beteuernd: »Sei ruhig, Nita, ich halte dir Wort!«
Seltsam war es, daß in diesem Augenblick mit nicht zu verscheuchender Klarheit ein brauner Krauskopf vor ihm auftauchte und daß sein Ohr plötzlich eine zitternde Mädchenstimme zu hören wähnte, die da bat: »Ich möchte, daß Sie mich nicht haßten!«
Sie mußte wohl krank sein, dachte Herr Harvey, als er bei seinen täglichen Besuchen in der Warren'schen Wohnung die lichte Mädchengestalt nicht mehr antraf, und der Gedanke versetzte ihn in peinliche Unruhe. Zweimal hatte er auf seinen Wegen ins Comptoir einen Umweg machend das vornehme Haus an der Avenue passiert, um jedesmal im inneren Kampfe mit sich gesenkten Hauptes vorüberzugehen. Hinter jenen weißen Vorhängen lag indes ein blaßes Geschöpfchen, das den braunen Kopf unruhig in die Kissen einwühlte und die so langsam vorschreitende Genesung nach mehrtägigen heftigen Fiebern ungeduldig erwartete.
»Die Tage sind so lang,« klagte sie immer wieder, mit eigensinniger Gereiztheit im Tone, und die gutwilligen aber schwachen Verwandten erhoben nur gelinden Einspruch, als sich das Mädchen plötzlich entschloß, aus dem Krankenzimmer zu entfliehen.
Vor dem Hause Frau Warrens blieb sie stehen. Sollte sie hinaufgehen? Durfte sie es? Würde sie dort etwas erfahren über – – Lily erschrak vor sich selbst. Fühlte sie vielleicht zum erstenmale, daß ihre Unruhe im Krankenzimmer etwas anderes bedeutet hatte als nur Sehnsucht nach Luft und Landschaft und nach ihrem Plätzchen im Parke? Lilys Wangen brannten, ihre Augen glühten und mit eiligen Schritten wandte sie sich von der Schwelle des kleinen Häuschens. Ehe sie sich dessen bewußt war, hatte sie ihr Plätzchen im Parke aufgesucht.
Die Luft war kalt, kalt und frostig; auf den Bäumen lag der Reif. Die Wege waren von leichtem trockenem Schnee gedeckt und aus den Promenaden jubelten lebhafte Knaben und Mädchen jeglichen Alters. Schneebälle flogen hin und her, Kindergruppen fielen über den Haufen und erhoben sich wieder, ringsum war Leben, Leben und Frohsinn. Lily hatte die Schneeflocken von der Bank gefegt. Sie lehnte den Kopf etwas gegen den mächtigen Baumstamm, der ihr Plätzchen stützte, und blickte träumend vor sich hin. Es war so seltsam in ihr, so anders als sonst, so feierlich und doch so traurig. Wie glücklich strahlten die Kindergesichtchen um sie her, wie sorglos heiter klang das Kinderlachen! Und jetzt – dicht vor ihr kniete ein winziges Mädchen mit langen dunkeln Locken und rollte sich mit vollstem Kindeseifer einen Schneeball zurecht. Lily beobachtete sie schweigend. Er hatte auch ein kleines Mädchen. Marie Müller hatte ihr von den kleinen Kindern erzählt, von den beiden mutterlosen Wesen, die er so grenzenlos liebte! Lily preßte die Hand aufs Herz, es war ihr plötzlich so weh zu Mute. Ihre Blicke folgten wieder den Bewegungen des Kindes, das seinen Ball beendet und sich erhoben hatte; die Kleine beugte sich spähend nach allen Seiten, wohl um den Gegenstand ihres Schelmenstreiches zu erspähen, sie bog den Oberkörper zurück, hob den Arm, zielte und warf so mädchenhaft ungeschickt, daß das Schneeklümpchen nach rückwärts flog und sie selbst das Gleichgewicht verlor und seitwärts hinfiel.