»Gestern Abend schickten Sie mich fort,« sagte er leise, »darf ich nun wiederkommen?«
Sie antwortete sogleich. Sie faßte das Köpfchen des bleichen kleinen Patienten und neigte ihr Antlitz darauf. »Rufe Papa!« sagte sie.
Edgars Augen wanderten zuerst ziellos im Gemach umher, dann blieben sie an den beiden über ihn gebeugten Köpfen haften. »Ich habe geträumt,« sprach er leise, »so etwas schönes, von Mama, sie hatte rosige Flügel und überall waren weiße Täubchen und ein kleines Täubchen reichte sie mir und wie ich es nehmen wollte, da lachte sie und schüttelte den Kopf und dann flog sie fort, und dann kam sie wieder und du kamst auch Papa, aber du hattest jetzt das Täubchen und es war mit einemmale anders geworden, es hatte große blaue Augen wie, wie Lily, und Mama nickte immer und lächelte und – dann war der Traum aus.«
Das Kind schwieg. Harvey faßte seine Hand. »Edgar,« fragte er, »soll Lily bei uns bleiben, immer und ewig?«
Der kleine Patient lächelte. »Ja,« lispelte er, indem er die Augen schloß, »ja, immer und ewig!«
Vor dem Bette stand Harvey, an seiner Seite – Lily. Das erste Morgenrot fiel durch die Ritzen der grünen Fensterläden ins Zimmer und warf goldige Streiflichter auf das Antlitz des Mädchens, das ihr Haupt zu dem Manne erhoben hatte und wortlos seiner Stimme lauschte.
»Lily,« sagte er ernst, »es ist ein Wortbruch, aber sie wird es mir vergeben, wenn sie ihr Kind hört, und nun sprich zu mir, mein Mädchen.« –
Der braune Krauskopf lag an seiner Schulter. Die Mädchenhände lagen auf seiner Brust gefaltet und des Mannes Mund beugte sich herab und küßte die leise geflüsterten Liebesworte von ihren Lippen.
»Mein Mädchen,« sagte er nochmals leise, »mein böses, trotziges, sanftes Mädchen!«