»Edgar, mein Junge, mein armer Junge!«
Bange Tage, bange Nächte vergingen. Es war schon spät am Abend, als die Thüre des Krankenzimmers sich leise öffnete, um eine zarte Mädchengestalt einzulassen, eine Gestalt, welche es mit großer Mühe und mit Aufwendung aller Überredungskünste durchgesetzt hatte, hinter dem Rücken des Hausherrn in der Krankenstube erscheinen zu dürfen, um die Nachtpflege mit der Freundin zu teilen. Lily Elsworth war eine andere geworden. Die Stunden der Sorge, die sie am Bette des leidenden Kindes verlebte, hatten ihre ganze frühere sorglose Leichtlebigkeit vertrieben. Aus dem übermüthigen Kobold war eine sorgende, zarte Pflegerin geworden, die mit echt weiblicher Ruhe und Ausdauer ihre selbstauferlegte Pflicht erfüllte. Im Hause lag alles in tiefem Schlummer. Marie hatte sich auf einige Stunden aufs Bett geworfen. Es wachte nur eine: Lily. Das Kind warf sich in wirren Fieberphantasien im Bettchen umher, während er mit heißen Händen wie spielend an der Bettdecke zupfte. Lily beugte sich über ihn, faßte die kleinen Finger und hielt sie in den ihren. Tiefe Stille herrschte im Gemach, da öffnete sich leise die Thüre und Harveys hohe Gestalt überschritt die Schwelle. Sein Auge schweifte besorgt zum Bette hinüber, während sein vorsichtig schreitender Fuß sich demselben näherte, von dessen Seite sich jäh erschreckt die schlanke Gestalt des Mädchens erhob und ihm gegenüberstand.
»Lily – Fräulein Elsworth!«
Der Ruf des Mannes ertönte in unterdrücktem Schrecken durch das Gemach, und in dem Schrecken lag es wie Vorwurf und verhaltene Empfindung zugleich.
»Wie können Sie – wie konnte man Ihnen gestatten? Die Krankheit ist übertragbar – Sie wissen das nicht –«
»Doch, Herr Harvey, ich weiß es!« Sie stand dem Manne gegenüber. Ihre Antwort kam klar und fest und es lag ein eigenes Selbstbewußtes, Bestimmtes in ihrem Ton wie in der Haltung. Der Mann stand einige Augenblicke unbeweglich, sein Auge auf das Mädchenantlitz geheftet, das im Scheine der verstellten Lampe bleich und seltsam schmal erschien. Ein Gefühl von Angst, von tötlichster Besorgnis überkam ihn plötzlich, sein bärtiger Mund zuckte einigemal, seine Augen suchten die ihren.
»Lily,« begann er, und beim Klang seiner Stimme sah sie rasch zu ihm auf, »Lily, ich bin in Angst um Sie – ich –« er stockte.
Ihre blauen Augen sahen gerade in die seinen und schienen mit ihren stummen Bitten seine Angst bannen zu wollen. Sie schüttelte einigemal beruhigend, beschwichtigend den Kopf und lächelte ihn an, und in der Bewegung, in dem Lächeln lag ein so eigenartig weiblicher Reiz, daß es den Mann mächtig und mit unwiderstehlicher Macht zu ihr zwang. Seine Hände umfaßten plötzlich den kleinen braunen Mädchenkopf und hoben ihn zu sich. »Lily,« sagte er, und in seiner Stimme lag unaussprechliche Zärtlichkeit. Sie erwiderte nichts. Sie wandte nur leicht das von ihm umfaßte Köpfchen zur Seite und berührte mit ihrer Wange die weiße Männerhand.
Der Morgen graute. Edgar lag mit geöffneten Augen, in denen der erste Strahl wiederkehrenden Bewußtseins leuchtete, auf seinem Lager. Lily neigte sich über ihn. Thränen entrinnen ihren Augen, als das Kind zu ihr aufsehend mit leiser Stimme »Lily« flüstert.
Auf der Thürschwelle steht eine Männergestalt, dessen Auge gleich dem des Mädchens feucht wird. Seine Blicke gehen von der lichten Mädchenfigur fort zum Kinde und von diesem wieder zu Lily hinüber.