Mit funkelnden Augen und erregt bebender Stimme trat sie zurück.

»Ich habe wohl mehr als zehn Bureaux besucht, mein Herr,« sagte sie, »und nirgends hat man mich abschlägig beschieden, d. h. wo man mir ›Nein‹ sagte, gab man artigerweise seine Gründe an!«

»Dann that man mehr als nötig war. In Wohlthätigkeitssachen schuldet man nur sich allein Erklärung und Rechenschaft!«

Des Mannes Worte enthielten eine Zurechtweisung – das Mädchen mochte sie empfinden. Mit einer kindlich herrischen Geste klappte sie das Täschchen zu und wandte sich rasch um zu gehen. In diesem Augenblick fiel ihr Blick in das angrenzende Bureauzimmer, in dessen Innern sich einige neugierige Männerköpfe von den Pulten aufgerichtet hatten, um die kleine Billetverkäuferin in sehr bewundernder Weise anzustarren. Diese stumme Huldigung mochte ihr Selbstgefühl wachrufen. Ihr eigentliches Selbst in seinem ganzen verzogenen Eigensinn trat plötzlich bei ihr zu tage. Sie, Lily Elsworth, das verwöhnte Schoßkind der Gesellschaft, sollte es sich bieten lassen von einem Manne, den sie gar nicht kannte, von einem häßlichen Manne, der sie nichts anging, eine Zurechtweisung zu empfangen, eine Zurechtweisung noch dazu in einer Angelegenheit, in der sie sich herabließ von fremden Menschen etwas zu erbitten, sie – Lily Elsworth, das reichste, gesuchteste Mädchen der Stadt! Sie sollte es sich sagen lassen, daß man es gewagt hatte, sie mit einem »Nein« abzufertigen – oh nicht doch! Sie war gekommen, um Billette für eine gute Sache loszuwerden, und loswerden würde sie dieselben und wäre es auch nur, um dem arroganten Menschen – – »Sie erlauben!« Den braunen Kopf zurückwerfend trat sie an Herrn Harvey vorüber und näherte sich ohne weitere Erklärung den im Bureauzimmer befindlichen jugendlichen Schreibern.

»Sind die Herren auch gegen Ball und Tanzvergnügen eingenommen?« fragte sie in lautem, dabei herausforderndem Tone, »oder sind Sie geneigt einer wohlthätigen Sache zu dienen, indem Sie mir einige Billette abnehmen? O wie liebenswürdig!«

Herr Harvey hatte seinen Platz am Schreibpult wieder eingenommen. Beim Klang der eigenartig einschmeichelnden Mädchenstimme, die nun im Gespräch mit den sie umstehenden jungen Angestellten eine so helle Färbung gewann, hob er rasch den Kopf.

Das Mädchen stand, den Nacken leicht vornübergebeugt, mit niedergeschlagenen Augen da und zählte – eine Reihe schneeiger Zähne wurden hinter rosigen Lippen sichtbar – die verkauften Billette ab. Die Gestalt, welche tannengerade in die Höhe ging, war von auffällig schlankem Ebenmaße.

»Am vierten – ja! Ich danke bestens!« Ihre Worte drangen zu Herrn Harvey herein. Aufblickend sah er, wie sich das Mädchen mit leicht graziöser Neigung ihres Köpfchens den Herren empfahl. Sie hatte die Thürklinke des Vorsaales bereits erfaßt, als ihr Auge die Gestalt Harveys gewahrte, der emsig schreibend über seinen Akten saß. Rasch ließ sie ihre Hand wieder sinken.

»Mein Herr!«

Er fuhr leicht zusammen und sah sich um. Er erhob sich.