»Mein Fräulein!« Ersichtlich frappierte sie seine unbeirrte Höflichkeit. »Ich – ich –« Da seine Miene an Strenge nicht nachließ, sondern unverändert ernst verblieb, wallte es in kindlichem Trotz bei ihr auf. Er brauchte nicht zu denken, daß sie eine Niederlage empfunden, und daß er ihr durch seine Haltung etwa imponierte – sie wollte, sie mußte ihm den Gedanken nehmen, und so warf sie mit kindlichem Unwillen den Kopf in den Nacken, zog sie den unruhig bewegten Mund in eine gerade Linie ein und sprach mit einem Triumphton ihre Meinung:
»Es thut mir leid, Sie zu enttäuschen,« sagte sie gelassen, »aber mildthätig sind Sie nicht. Wenn man Ihre Güte jemals wieder in meinem Beisein rühmt, so werde ich das Gegenteil aufs kräftigste nachweisen! Guten Morgen!« Ein rascher Aufblick aus tiefblauen Augen – ein geschicktes Wenden – zwei gerade resolute Schritte – weg war sie.
Über das ernste Antlitz des Mannes ging ein leises Lächeln, das alsbald wieder schwand, um den alten Ausdruck unbeweglichen, fast melancholischen Ernstes anzunehmen.
Der Tag des Festes war herangerückt. In dem großen hellerleuchteten Saale des Germania-Klubs wogte eine bunte Menschenmenge lärmend durcheinander. Die riesigen Säulen, welche kleine traute Nebenräume vom Tanzsaale trennten, waren mit Kränzen umwunden, und in den tiefsten Tiefen des Raumes lag die Bühne wie ein exotisches Treibhaus geschmückt da.
Von Seite zu Seite hingen Guirlanden in phantasievoll verschlungenen Bögen herab, während aus den Coulissen Fahnen verschiedenster Nationen herauswehten.
Kleine reizende Nischen, aus Oleandern und Palmen gebildet, luden mit ihren bunten Lampions, ihren tête à tête Stühlen und ihren Amorstatuetten zu neckischen Plauderstündchen ein. In dem Vordergrund der Bühne gruppierten sich eine Reihe helllachender jugendlicher Mädchen, welche mit unglaublicher Gewandtheit kleine Knopflochsträußchen wanden, um sie den Vorübergehenden zum Verkaufe anzupreisen. In den Nebensälen standen die üblichen verlockenden Buden. Zuerst die Post, ein aus Brettern errichtetes, von Bannern und Fahnen umwehtes Häuschen, dessen Pforten und Schalter reizende Beamtinnen bergen, Beamtinnen, welche durch neckisches Geplauder doppeltes und dreifaches Porto erzielen. »Für die gute Sache,« hallte es triumphierend aus dem Innern hervor, und aus der Nebenbude, wo sich ein Glücksrad dreht, hört man nach jedesmaligem erneutem Glücksversuch den Satz wiederholen: »Für die gute Sache!«
Die gute Sache verlangt viel. Überall ist etwas anderes zu sehen. Hier ein Tisch mit Luxusartikeln, dort eine Nische mit Erfrischungen von zierlichen Mädchen mit Kellnerschürzen serviert, dann einige Zelte, daraus gewahrsagt wird, und endlich ein Cigarrenverkauf! Letzterer trägt am Eingang ein Riesenschild mit enormer Annonce: »Feine Havannas!«
Der Abend nahte sich seinem Höhepunkt und noch hatte sich der Schwarm von Menschen, welcher gerade dieses Zelt umstand, nicht um das Mindeste gelichtet. Aus dem Innern dringt eine helle Mädchenstimme, bei deren Klang sich die bereits stehende Gruppe nur noch vermehrt.
»Die kleine Elsworth, beim Jupiter!« ruft ein sehr jugendlicher bartloser Blondin, sich nicht ohne Geschick bis an die Zeltöffnung vordrängend und gleich darauf steht er mit der Linken einen vermeintlichen Schnurrbart drehend mit hochrotem Gesicht vor der jungen Verkäuferin.