Vor ihr auf der Erde – auf dem Holzblock, den sie einzunehmen gewohnt war, saß die Stiefmutter, auf ihrem Schooße – sechs weiße Kätzchen, in ihren Händen – sie waren weiß und weich, diese Hände – eine Schale mit Milch und geweichtem Brot.

Die Frau hob bei Norines Eintritt den Kopf. Sie lächelte. Und bei dem Lächeln zog es wie tiefe Beschämung in des Kindes Herz.

Regungslos – reuig – thränenvoll blickte sie in das schöne blonde Frauenantlitz, das mit solch gütigem Ausdruck zu ihr aufsah.

»Komm herein, Norine,« sprach der lächelnde Frauenmund, »die Tierchen wissen, daß ich mich ein wenig fürchte, und darum gewöhnen sie sich etwas schwer an mich – komm' herein!«

Norine regte sich minutenlang nicht. Ein nie gekanntes Gefühl von Weichheit und überströmender Wärme durchflutete ihr Inneres, und in ausbrechendem Gefühl von Reue und Liebe stürzte sie laut aufweinend zu der blassen Frau hin.

»Ich habe gedacht, Sie – du – Sie wären eine böse Stiefmutter!«

»Kind!« Die Frau hielt sie umfangen. Sie hob leise das thränenüberströmte Köpfchen hoch und sah ihr in die Augen.

»Norine – um eine böse Stiefmutter zu sein, müßte ich doch erst eine böse Frau sein, und das bin ich nicht!«

Norine wußte nicht, wie's geschah. Der herzliche Ton ergriff sie seltsam. Mit der ihr eigenen raschen Leidenschaftlichkeit der Bewegung hatte sie den Kopf gewandt und den sie umschlingenden Frauenarm geküßt.

»Jetzt sage ich auch Mutter,« flüsterte sie leise, verschämt, und aus dem über sie gebeugten Antlitz der jungen Frau fiel eine Thräne herab und netzte des Kindes Wange.