Norine kam mit ihrem herzbrechenden Phantasiebild nicht weiter. In heftigem Geschluchze warf sie sich auf die Erde nieder. Das heiße Gesichtchen wühlte leidenschaftlich erbittert auf den vorgestreckten Armen umher, während ihre Thränen unaufhaltsam stürzten. Stunden verstrichen. Das Kind lag regungslos auf der Schwelle, bis ihr, vom Weinen ermüdet, die Augen zufielen und sie unter schläfrigen kleinen Seufzlauten einschlief.
Die Mittagssonne war aufgestiegen und hatte sich wieder gesenkt, als Norine das sehr zerzauste Köpfchen hob und mit weit offenen Augen um sich blickte. Hatte sie Böses geträumt, daß ihre braunen Augen so starr und so entschlossen schauten? Die Lippen preßten sich auf einander und die Gestalt, die sich mit jähem Ruck auf die Füße stellte, blieb hochaufgerichtet, wie um sich gegen eine feindliche Macht zu rüsten, stehen.
»Ich will nicht!« schrie sie, sich plötzlich in losbrechendem Zorne gegen die Thüre werfend. »Ich will hinaus!« Ihre Hände faßten mit Aufwendung aller Kraft die Klinke und rüttelten.
Ein heftiger Ruck. Norine flog gegen die Wand zurück. Die Thüre war offen. Das Kind stand einen Augenblick verwirrt da und starrte geradeaus. Das Schloß war unversehrt. Man hatte also vorher geöffnet. Wie ein nach Freiheit lechzendes Wild schoß sie in den Korridor hinaus und die Treppe hinab. Ihre Katzen! Ihre armen Katzen!
Sicherlich waren sie tot – tot, wie sie im Traum gesehen – mit herabhängenden Pfötchen und geöffneten Mäulchen, und die Stiefmutter, die böse, stand triumphierend daneben, während sie wehklagte – –
Norines Füßchen trabten eiliger treppab. Mit hochklopfendem Herzen und zitternden Händen erreichte sie das Katzenhaus.
»Mietz – Mietz!«
Sie schrie es unwillkürlich – sie blieb vor Angst atemlos an der Thüre des Katzenhauses stehen.
Hatte sie sich getäuscht oder tönte ihr aus dem Innern desselben ein leises »Miau« entgegen? »Mietz!« rief sie noch einmal und ihre Stimme durchflog ein ängstlich freudiges Zittern – »Mietz!«
Sie stand horchend auf der Schwelle. Das Auge gewöhnte sich schwer an das dumpfe Licht. Sie trat näher und spähte hinein. Ein unterdrückter Ausruf des Schreckens zuerst – dann des Staunens entfuhr ihrem Munde.