»Bin eingesperrt!« klagte Norine, das ablehnende »Pst« im Anblick des Freundes außer Acht lassend, und der Knabe schwang sich auf die Mauer und wiederholte durch Zeichen und Grimassen sein Begehr, von ihr nicht beachtet zu werden.
»Aber ich bin eingesperrt!« schluchzte Norine nochmals auf, »und meine Katzen!« –
Wiederum fuhren des Knaben Hände gestikulierend umher, und Norine glaubte in den Zeichen etwas Beruhigendes über ihre Lieblinge zu verstehen. »Sind sie noch da?« fragte sie ängstlich, und Pauls Kopf gab rasch nickend Bejahung, und Norine sah, wie der Knabe sich abwandte und – war's möglich? – mit zwar verlegener, aber doch richtiger Höflichkeit seinen Hut zum Gruß gegen jemanden lüftete.
»Guten Morgen, Paul!« Der helle Gruß kam vom Hofe herab.
Norine erkannte der Stiefmutter Stimme, und mit neu aufsteigendem bitteren Groll sprang sie vom Stuhl herab und in das Innere des Zimmers zurück.
Was wollte sie von Paul? Wozu war er gekommen? Warum that er so verlegen? Was bedeutete – –?
Norine hörte sie zusammen die Treppe hinaufsteigen, der Frau Stimme klang freundlich – gar nicht böse, und Paul? seine Stiefel knarrten – sie knarrten immer, wenn er leise zu gehen versuchte. Paul sprach wohl gar nichts – Norine hörte nur die andere gehaßte Stimme. Es öffnete sich die Wohnzimmerthüre. Sie schienen beide eingetreten zu sein. Was mochte sie mit dem Jungen wollen? Was hatte sie mit Paul zu reden? Norine kauerte sich vor ihr Schlüsselloch nieder. Die Stimme der Frau drang in halbverständlicher Rede zu ihr:
»Sie führte den Bäckerladen in unserer Stadt, und deine jetzige Mutter war ihre Halbschwester. Deine Mutter hatte sie gern. Ich weiß das genau, denn ich wurde als halberwachsenes Mädchen oft in den Laden geschickt, und dann sah ich es oft, wie deine Mutter, die Bäckerin, ihre Halbschwester im Hauswesen unterwies und ihr die Pflege ihres kleinen Sohnes – das warst du, Paul – anvertraute. Deine Mutter hatte sie lieb – und wenn sie das alles wäre, was du denkst, so hätte deine Mutter ihr nicht sterbend Mann und Kind anempfohlen – und das hat sie gethan. Du hast dich von ihr fern gehalten, seit sie an deiner Mutter Stelle getreten ist, und hast dir eingeredet, daß sie dich haßt. Sage mir nichts. Du hast es durch deine Lebensweise so weit gebracht, daß sie ratlos geworden ist und dich eben laufen läßt und« – die Rede brach ab. Paul machte scheinbar eine Entgegnung. Es gab eine kleine Pause, und Norine hörte einzelne Sätze – doch nicht im Zusammenhang.
»Unwahr von dir! Norine zu lieb – hast du gesagt – ganz unwahr – dich verbergen im Stall – wegen der entwendeten Kuchen – weil du dich fürchtest, nach Hause zu gehen. Gestehe, daß es so war! Ein Junge – Furcht vor Bestrafung. Und dem Kinde einreden – die Katzen – Willst du versprechen? –«
Norine schwirrte es im Kopfe. Soviel hatte sie verstanden, Paul war ein Treuloser. Er hatte nicht Großmut geübt, indem er seine Dienste zur Nachtwache antrug – er hatte sich dienen wollen, und sie hatte er glauben gemacht, daß – daß – ah – der Verräter, der abscheuliche Junge! Und stehlen that er auch – das konnte er nun nicht mehr ableugnen, und jetzt? Wie benahm er sich jetzt? Hockte drin ganz freundlich mit ihr – während sie – o! – sie war eine arme Hintergangene – ein verlassenes Wesen – das keinen wahren Freund hatte. Der Einzige, der immer so gethan hatte, als wenn er's so gut meinte – der war gerad' wie alle andern, und geliebt wurde sie von niemandem – von keinem Menschen – nur von ihren Katzen, und die – wer weiß, ob sie die jemals wiedersehen würde, denn selbst wenn die Frau da drinnen (Mutter würde sie niemals zu ihr sagen) die armen Tiere noch nicht überfallen hatte, so stürbe die Katzenbrut tagsüber vor Hunger – und sie, die sie wie eine Gefangene gehalten wurde, sie konnte dann auch sterben – ja, das konnte sie und das wollte sie auch, denn ohne ihre Mietz, ohne die lieben jungen Mietze konnte sie doch nicht sein – dann würde vielleicht der Paul Dierkes um sie weinen, und die andern auch – und Doris und der Vater – und alle die – die –