Die junge Frau hatte – im Rahmen der Thüre stehend – die Unordnung im Käfig entdeckt – ihr Blick übersah das Ganze und es war ein Weheruf sowohl als eine Anklage, die ihren Lippen entfuhr. »Wer – o wer?« Norine sah einen Moment vor sich nieder. Fehlte es ihr nun doch an Muth?

O nein! Wie um sich in ihrem Entschluß zu stärken, warf sie den dunklen Kopf in den Nacken. Mit lauter Stimme, deren Festigkeit unter dem Auge der blassen Frau ins Wanken geriet, schleuderte sie ihr zornig ihre Antwort entgegen:

»Ich war's. Ich hab's gethan – so!«

»Norine!« Ein einziger schmerzlicher Ausruf – dann herrschte mehrere Sekunden lang im Zimmer Schweigen. Dem Kinde gegenüber stand die junge Frau und lehnte wortlos ihre Wange an den leeren Käfig. Ihre Brust wogte heftig – die bleichen Lippen zuckten. Als sie endlich aufsah, das Kind ansprach, vibrierte ihre Stimme vor unterdrückter Erregung. Es war die resolute Lehrerin, die aus ihr sprach, und die bestimmte Form – die knappe Rede – imponierte ersichtlich der Fremdheit halber dem Kinde.

»Du hast etwas böses gethan,« sagte sie leise und ernst, »vielleicht weißt du nicht einmal, wie bös. Du hast ein Tierchen grausam vertrieben, das ohne die gewohnte Pflege verhungern oder erfrieren wird. Du hast an den armen Vogel nicht gedacht, du wolltest nur mir etwas zufügen. Das kann ich übersehen, denn man hat dich aufrührerisch gemacht – aber du könntest deinen Groll auf mich weiter in grausamer Weise kund thun, und das muß ich verhindern. Gehe jetzt in dein Zimmer zurück – es ist notwendig, daß du den morgigen Tag allein bleibst und über dein Verhalten nachdenkst!«

Seltsam – daß das Kind ohne Widerrede davonging! Seltsam, daß es schweigend sein Zimmer erreichte! Lag in der Haltung der jungen Frau ein etwas, das unwillkürlich Gehorsam forderte? Oder war es die Dunkelheit und die ringsum lagernde Stille, die das Kind verschüchterten? Norine wußte es selbst nicht. Erst als der Morgen anbrach und ihr von Doris das Frühstück überbracht wurde mit der Benachrichtigung, daß sie tagsüber ihr Zimmer zu hüten habe, kamen Leben und Zorn und Trotz mit alter Gewalt über das Kind und in lautem Gepolter schlugen die kleinen Fäuste gegen die von außen verriegelte Thüre. Durch das Haus hallten ihre zornigen Rufe – lauter und lauter werdend. Wie konnte man es wagen, sie einzusperren? Sie wollte doch mal sehen, ob das so einfach ginge.

Heraus wollte sie – sofort heraus! Die Hände schlugen sich rot. Die Stimme rief sich heiser, die Füßchen hatten sich wund gestampft und Norine bedeckte – von leidenschaftlicher, ohnmächtiger Wut übermannt – ihr Gesicht mit den Händen und schluchzte hellauf.

O! wenn doch Paul da wäre! Paul würde schon Rat wissen, Paul würde es ihr schon zeigen – der Bösen – der abscheulichen Frau – sie dachte wohl – man würde sich das so ruhig gefallen lassen. O nein – das würde man nicht. Wenn sie dächte, man wisse nicht, weshalb die Stiefmutter sie einsperren ließ, so irre sie. Sie übersah die Sache ganz gut. Die Katzen sollten 'ran! Wahrscheinlich hatte das Paul gestern abend verhindert, und darum wollte sie heute – aber nein – das sollte ihr nicht gelingen – sie würde – sie würde – Norines Schluchzen ließ einen Augenblick nach. Das thränenfeuchte Gesichtchen hob sich energisch. Ihr Blick traf das Fenster. Dort, von dort aus konnte sie vielleicht – Norine beugte sich hinab. Enttäuscht fuhr sie zurück. Zu hoch! Und kein hervorspringendes Fenstersims – kein Halt. Wie sollte sie da? – horch, was war das? – Wer zischte ihr vom Zaun aus zu? Norine schob in erregter Hast einen Stuhl ans Fenster und sah hinaus:

»Ach – Paul!«

»Pst!« Der Knabe hing an der Außenseite der Holzmauer. Über derselben hob sich ein ungekämmter, blonder Kopf, den er in warnender Geberde nach dem Hause zu bewegte.