Es war spät geworden. Norine lag mit weitgeöffneten Augen in ihrem Bette. Die Erregungen des Tages ließen sie nicht schlafen. Es war ihr, als müsse sie wachen, um zu verhüten – nein doch – es war nicht nötig. Paul Dierkes hatte ja versprochen – Paul war ein guter Junge, ein sehr guter Junge, und sie wollte es ihm ewig danken, daß er in dem Stall auf der harten Erde – der Stallfußboden war sehr hart und nicht jeder Junge würde sich eine ganze Nacht hindurch hinkauern, blos um ihr einen Gefallen zu thun; und wach bleiben müßte er auch, denn wenn die Frau wirklich – ob sie wohl wirklich die Katzen so haßte? Ob sie es vorhatte, sie zu töten – zu ersäufen? O weh, welch ein Gedanke! Ersäufen? ihre Mietz – ihre geliebte alte Mietz, und die kleinen weißen Jungen, die so dumm und lieb mit der Schnauze herumleckten, wenn sie ihnen das Milchnäpfchen brachte – und die ganz jämmerlich schreien würden, wenn sie ersäuft – nein, nein – sie sollten nicht – sie durften nicht – Mietz würde auch kratzen – Mietz konnte kratzen, aber vielleicht würde sie die arme alte Katzenmutter heimlich von hinten packen und sie in das kalte Wasser – o nein – nein! Das Kind schrie bei dem Gedanken entsetzt auf. Mit einem Satz sprang es zum Bette hinaus und an das Fenster. Ha, wie dunkel es draußen war! Wie still! Und das Katzenhaus lag so einsam da – und ringsum regte sich nichts – gar nichts – – oder doch? – es regte sich was. Es ging jemand. Eine Gestalt kam die Hintertreppe herab und trat auf die Stallthüre zu – eine Frau war's – sie – die Stiefmutter – o Gott – die Katzen! Wenn sie herunter könnte – aber nein doch – Paul war ja da – Paul würde verhüten – o die böse Frau – die böse – die so gethan hatte, als könnte sie gut sein – gut sein – eine Frau, die den armen Tieren ein Leids anthun wollte – war nicht gut. Nur böse Menschen – nur böse Stiefmütter konnten Tiere hassen, und Katzen waren Tiere so gut wie andere, aber wie sollte sie, eine Stiefmutter, Katzen lieb haben? sie, die nie einen Liebling – doch – sie hatte ja ihren Vogel, dem sie Zucker reichte. Wie würde es ihr vorkommen, wenn jemand ihren Liebling heimlich faßte und – ha – welch ein Gedanke!
Norine stand einen Augenblick sinnend aufrecht und blickte mit finster zusammengezogenen Brauen in den Hof hinab. Der Rachegedanken, der ihr plötzlich gekommen, packte sie wie ein Blitz.
Das war's. Ja – das war's. Wenn sie meine Katzen holt – und – ja doch – da ging sie ja direkt auf den Stall zu, und jetzt – jetzt stand sie am Stalle und sprach durch die geschlossene Thüre auf Paul Dierkes ein, und er? – Paul mußte wohl Antwort geben, denn sie machte eine kleine Pause, als ob sie lauschte, und sprach von Neuem. Norine konnte nichts verstehen – sie starrte angstbeklommenen Herzens auf die Umrisse der Frau und auf die Stallthüre, die sich – war es denn möglich? – plötzlich öffnete, um Paul – Paul selbst herauszulassen. Norines Augen blitzten. Glühend heiß schoß es ihr in die Wangen. Was war geschehen? Was bedeutete das? Was hatte die Frau gesagt? womit dem Freunde gedroht? denn gedroht mußte sie haben, sonst verließ Paul seinen Posten nicht, und da – da standen sie beide – sie mit einem Fuß auf der Schwelle des Katzenhauses und Paul draußen – und jetzt würde sie hineingehen und die armen Tiere – o die Böse! die Schlechte! Norine fuhr mit jähem Ruck in die Höhe – die ganze Entrüstung ihres leidenschaftlich heftigen Herzens im Antlitz.
»Warte, du!«
Über den Korridor huschten leise Füßchen. An den Wänden entlang tappten sich unsichere Kinderhände. Die in weißem Nachtgewand dahinschleichende Gestalt der Kleinen blieb vor der Wohnzimmerthüre der Stiefmutter eine Sekunde lang horchend stehen, dann öffnete sie rasch und hastig und trat ein. Ringsum war alles still. Das Mondlicht fiel durch das offene Fenster und beleuchtete das Innere des Gemaches. Dort in der rechten Ecke stand der Käfig, jetzt mit einem leichten Battistzeug verhangen. Des Kindes Augen starrten – Leidenschaft und Haß im Ausdruck – darauf hin und rasch entschlossen riß sie das Tuch hinweg. Erschreckt flatterte das Tierchen auf und klammerte sich eingeschüchtert an den Gitterstäben fest. Des Kindes Hände faßten nach der Käfigthüre. Des Kindes Augen erglänzten triumphierend, als es, ohne zu zögern, die kleine Pforte öffnete. Anhaben konnte sie dem Tierchen nichts – aber davonfliegen sollte es – fort von ihr – damit sie spürte, was es heißt, seine Lieblinge entbehren.
»Husch – husch!« Die Kinderhand scheuchte, das Tierchen flatterte unstät – zierpte – flog empor – sank herab und endlich ängstlich dem Fenster zu – Fort war es! Norine warf den Kopf zurück. Ihr Atem ging rasch.
»So – du!« Sie flüsterte die Worte mit einem Racheblick auf den Hofraum, dann streifte ihr Auge den leeren Käfig. Die Thüre stand noch geöffnet. Das leere Innere sah still aus wie ein Sarg. Norine wurde es unheimlich, sie tastete sich eilig dem Ausgang des Zimmers zu und schrak heftig zusammen, als ihr auf der Schwelle eine Gestalt entgegentrat.
»Norine!« Der Stiefmutter Stimme. Einen Augenblick des Schreckens und das Kind drückte sich in dem instinktiven Bestreben, sich zu verbergen, in den Schatten der Zimmerecke zurück.
»Norine!« Es war vergebens. Die Frau stand vor ihr. Norine sah auf. Die weiche Ansprache der Stiefmutter ließ sie ein Übergewicht des Rechtes empfinden. Was hatte sie auch anderes gethan, als Rache geübt? Und Rache durfte sie üben – wenn man ihr so viel böses anthat – wenn man ihr ihr liebstes – ihre Mietz – heimlich ah – sie brauchte sich nicht zu verbergen, und wenn die böse Frau sie fragte, wer den Vogel –
»Norine – o Gott – der Käfig!«