Es war das erstemal, daß sie den Namen Mutter mit dem kindlichen »Mama« vertauschte, das erstemal, daß sich die zarten Arme um der Mutter Nacken legten, Es war, als ob das überfüllte Kinderherzchen all den Kummer seines kurzen Daseins von sich wälzen, all die unterdrückte Zärtlichkeit von Jahren in die einzige letzte Stunde ergießen müßte. Halb klagend, halb kosend bewegten sich die erbleichenden Kinderlippen, und sprachen leise Geständnisse von Liebe und Kummer und Herzweh.

»Ich war immer so einsam – ich – –«

»O still, Kind, still!«

»Thut es – dir leid – Mama?« Es war das Letzte, was sie sprach. Die Augen sahen noch sekundenlang mit großer Andacht auf zur Decke – dann schlossen sie sich langsam. Still, unauffällig wie es gelebt, so starb das Kind, und über dem Bettchen lag die Mutter und schluchzte verzweiflungsvoll auf.

»Das alles fühlte sie, das arme kleine Ding! und ich erfuhr es erst – zu spät!«

Erste Liebe.

Meine erste Liebessache spielte in der kleinen Hafenstadt Hoboken. Das Städtchen hatte neben der großen Freischule für unbemittelte Kinder nur eine Privatschule, und diese leitete, in dieser unterrichtete ein sehr frommer Pastor, der seinen Zöglingen mehr Frömmigkeit beibrachte als Gelehrsamkeit. Als dann nach kurzer Zeit ein rühmlichst bekannter Deutscher die ersten Schritte zur Gründung eines großen deutsch-amerikanischen Lehrinstitutes that, schlossen sich ihm die ehrenwerten Bürger und Familienväter mit Enthusiasmus an, und nach kaum einem halben Jahre wanderten die frommen Zöglinge des salbungsvollen Pastors, unter denen auch ich, in die neugegründete »Hoboken Akademie« über. Das Institut hatte einen besonderen Reiz. Die Klassen enthielten auch Knaben.

Welch ein Übergang von dem demutsvollen »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, vom würdigen Pastor allmorgentlich wiederholt, zu dem Frühgruß der Besucher der Akademie mit den begleitenden feuchtgerollten fliegenden Papierklümpchen und den gelegentlichen wundervollen Balgereien.

Das Institut hatte noch einen Reiz. Man wurde vierteljährlich versetzt. Ich durchreiste, Dank meinen guten Befähigungen mehr, wie meinem Fleiß, mit großer Geschwindigkeit die untere Klasse und saß als zehnjähriges, blondkrauses, sehr selbstbewußtes, sehr unordentliches junges Dämchen mit frischgewaschenen Schürzen und mangelhaft sauberen Taschentüchern in Klasse vier, inmitten einer Reihe älterer zum Teil sehr wohlerzogenen Studiengenossinnen und einer tollen Bande der reizendsten halberwachsenen, courmacherlichsten Knaben, welche je unter diese stolze Kategorie gestellt zu werden verdienten. Ich habe niemals an dem Verkehr mit Männern so hohen Genuß erlebt, wie ihn mir die sehr ausgezeichneten jungen Mitbürger aus Klasse vier der »Hoboken-Akademie« jener Zeit gewährten. Was ist denn auch wirklich so ein devoter Handkuß eines salonfähigen Kavaliers – gegenüber dem wonnig unerzogenen herzlichen Ellenbogenstoß – gegenüber dem unerwarteten, kräftig liebevollen Schlag auf die Schulter und dem dazu aus frischer Kehle gebrüllten »Halloh old girl!«, wie ihn meine hochverehrte, mir mit Leib und Seele ergebene, kleine Garde aus Zimmer vier zu verabreichen im Stande war! –

Wir hatten, ich bedauerte die Thatsache, einen Klassenlehrer. Noch mehr aber bedauerte ich die Abneigung, welche dieser lange ehrwürdige Herr gegen das kleine – hm – Einvernehmen hatte, das zwischen mir und Tommie Sievers bestand. Tommie hatte – es ist vielleicht geschmacklos von mir, die Vorzüge eines abwesenden jungen Herrn in Gegenwart anderer hervorzuheben – indessen, der Wahrheit die Ehre, Tommie hatte sehr hübsche Augen. Er war sommersprossig, nur sein Haar – es hätte weniger borstig sein dürfen, und ich fand selbst, daß seine Figur zu sehr gedrungen war – indes – was thut das einem jungen Mädchen, das, wie ich, diesen denkwürdigen Tommie mit großer Willenskraft, aus herzlichstem Selbstgefühl und ohne jede Zuneigung für ihn aus den Fesseln einer Daisy Rimpel gerissen, und der es nun gegenüber der Klasse ehrenhalber zur Notwendigkeit wurde, die Aufmerksamkeiten des edlen Tommie über sich ergehen zu lassen.