Die Abneigung unseres Klassenlehrers gegen die in Zimmer IV bestehenden kleinen Kommunikationen von den Knabenpulten zu denen der Mädchen hinüber weckte in mir den innigen Wunsch nach der Entfernung des guten Mannes, und da dieser ohnehin leidend war, Aufregungen scheute und leicht in Zorn geriet, wurde es mir nicht allzu schwer, tagtäglich mit Hilfe einiger der Mitschülerinnen neue Missethaten zu ersinnen, die den armen Mann in steter Aufregung hielten und ihn veranlaßten, gesundsheitshalber – so hieß es – seine Entlassung zu fordern. Wir atmeten auf. Unter den uninteressierten Augen der Hilfslehrer wurden wir zu freien Menschen. Tommie konnte ungehindert seine Liebesdienste verrichten, und er war ein ausgezeichneter Liebhaber; gerade nicht von besonderer Geistesanlage, auch sonst auf den Inhalt seiner Bücher nicht neugierig, war er doch von rührender Opferfähigkeit. Er schleppte mir mit ritterlicher Unverdrossenheit die Mappe nach und überbrachte mir, ohne den geringsten Anspruch auf Halbierung zu erheben, die ihm von der blaßblonden Daisy Rimpel heimlich zugesteckten Äpfel. Ich verzehrte sie ohne Gewissensbisse – ja, ich besaß die Kaltblütigkeit, sie vor seinen Augen mit Fanny Dayson, der ältesten der Klasse, zu teilen – mit ihr sogar über die tölpelhafte Treue meines Tommie zu spotten; denn, um wahr zu sein, muß ich gestehen, daß mich an der Person des treuen Sklaven, nachdem ich es zu Stande gebracht, ihn der Daisy Rimpel abspenstig zu machen, nachdem ich weiter die Luchsaugen des Klassenlehrers nicht zu scheuen hatte, wenig fesselte, und mein leichtaufflackerndes Interesse am Schwinden war.
So weit hielten wir, als der neue Klassenlehrer uns gemeldet wurde. Es war an einem Mittwoch – Vormittagsstunde. Wir packten gerade die in der Schreibstunde benutzten Hefte fort, ich steckte noch hinter meinem aufgeklappten Pultdeckel, als sich die Thüre der Schulstube öffnete. Vor uns stand unser neuer Lehrer. Er war gar nicht sommersprossig, sein Haar war gar nicht borstig. Aufs modischste gekleidet, aufs sorglichste gescheitelt stand er vor uns – das junge bartlose Gesicht mit den ernst blickenden, graubraunen Augen uns grüßend zugekehrt. Es wäre unmöglich, die Aufregung zu schildern, in die sein Erscheinen uns, die Klasse, mich und – ich sah es mit einigem Staunen – die sonst so kühle Fanny Dayson versetzte. Wenn ich jemals die vornehme Ruhe dieser unserer ältesten Mitschülerin bewundert hatte, wenn mich ihre Reserve je entzückt hatte – an diesem Morgen war mir die Gemessenheit mit der sie Antwort gab, die Sicherheit, mit der sie sich verneigte, aufs Empfindlichste zuwider, um so mehr als ich gewahrte, daß Herr Page – so hieß der neue Lehrer – sie mehrfach angeblickt und sie, deren Äußeres etwas Gleichgiltiges hatte, die Augen – Fanny hatte seltsame schläfrige Augen – unter langen Wimpern hervor auf ihn gerichtet hielt. Ich weiß nicht, ob ich dieses Mädchen liebte oder haßte. Gewiß ist, daß mich ihre Kühle verletzte und ihre Überlegenheit reizte – gewiß ist weiter, daß ich, nicht ohne Trotz gestand ich mir's, unter ihrem Einfluß stand. Diesem Einfluß dankt' ich es – das sah ich jetzt – daß ich die Liebesbezeugungen Tommies gering geschätzt und diesem Einfluß dankte ich es ferner, daß ich – ihrem Beispiele folgend – den neuen Lehrer mit ganz eigenen Gefühlen ansah. Wenn er die reservierte Fanny interessierte, so war das grund für mich, ihn anzubeten. Ich war es nicht gewohnt, lange unbeachtet zu bleiben – ich steckte noch immer hinter meinem aufgeklappten Pulte und sah's mit heißen Wangen, wie der Lehrer Fanny angeblickt – mein Herz begann zu klopfen – die trotzige Unbändigkeit des Wesens ließ mich die Folgen einer Missethat nicht übersehen – ich schlug mit einem lauten »Klaps« mein Pult zu – warf den Wulst störrischen blonden Gekräusels, der mir mähnenartig in die Stirne hing, zurück, und der Augenblick war da. Die Blicke des jungen Gottes begegneten den meinen, ein halb überlegenes, halb belustigtes Lächeln ging über seine Lippen, meine Schläfen begannen ein wildes Hämmern, meine Wangen glühten – vergessen war Fanny – Daisy Rimpel – Tommie – alles – – ich liebte! Es war zum lachen und doch ist es etwas Rührendes um so ein junges Lieben. Ich wurde, Sie dürfen es mir glauben, ein wahrhaft vornehmes Geschöpf in dem Zeitabschnitt dieser, meiner ersten Liebe, und es ist schade um die enttäuschende Katastrophe – – aber ich greife vor.
Der Gegenstand meiner Anbetung bevorzugte mich sichtlich – die gehässige Haltung der Mitschülerinnen – die grimmigen Blicke Tommies, bewiesen dies zur Genüge. Ich durchlebte alle Wonnen, die der Anbetungsdienst eingiebt und alle Schmerzen, die er fordert. Ich war eifersüchtig. Zwischen meinem Idol und Fanny bestand eine gewisse Reserve, die zu den von mir mit Argusaugen bewachten Blicken beider nicht im Einklang stand. Fanny war eine vorzügliche Schülerin, sie war tadellos von Benehmen, und ihr Äußeres! – es war unleugbar, daß der Anflug von dunklem Flaum, der einem jeden andern Gesichte einen unreinlichen Anstrich gegeben hätte, ihrem gelblich blassen Teint einen besondern Reiz verlieh. Ich war eifersüchtig! – Ich bewachte mit neidischen Blicken die Geberden des Lehrers – ich haschte mit selbstquälerischer Lust nach einem jeden kleinen Zeichen eines Einvernehmens – und schämte mich, wenn ich bei ruhigem Sinnen nichts Verräterisches fand. Fanny war gütiger gegen mich als sonst, so gütig, daß ich begann, mein böses Mißtrauen zu verlieren, als ein kleines Ereignis mich von Neuem in die alte Erregung brachte. Es war nach einer Freipause. Die große Glocke hatte die Stunde bereits eingeleitet – die Kinder kamen in eiligen Gruppen vom Hofe in die Schulstube gerannt und nahmen ihre Plätze ein. Fanny fehlte. Ich rückte schon ungeduldig auf meinem Platze umher, meine Blicke flogen vom Lehrerpult, an dem auch er noch nicht erschienen war, zur Thüre und meine Hände wühlten unruhig in den Griffelkasten herum, da – trat Tommie auf mich zu.
»Sie können beide noch nicht heraufkommen,« flüsterte er mit nichtswürdigem Augenzwinkern, »er hat sich die Hand beschädigt, und sie verbindet sie ihm mit ihrem Taschentuch.« Ich fuhr in die Höhe. Das Blut strömte mir in die Schläfen.
»Beschädigt!« schrie ich, »und sie – sie« – selbst wußte ich nicht, ob mein Mitgefühl oder meine eifersüchtige Wut größer war. Tommie stand lächelnd, höhnisch lächelnd vor mir. Ich fühlte, daß ich ihn haßte.
»'s ist eine Lüge!« rief ich, am ganzen Leibe zitternd, und mit erhobener Rechten zielte ich auf die einst geliebten blauen Augen los.
»Keine Lüge!« knurrte er, den Kopf wie eine Dogge gesenkt, die Blicke lauernd schadenfroh aufwärts gerichtet, »sie standen versteckt an der Flurthür und plauderten – und der Wind schlug die Thüre auf seine Hand, und sie nahm sie so« –
Tommies anschauliche Geste raubte mir den Rest meiner Fassung. »Fort von mir!« befahl ich – selbst nun mit unterdrückter Stimme – und im selben Augenblick wurde die Klassenthüre geöffnet. Fanny trat ein, hinter ihr – ein wenig blaß aber schön wie ein Apoll – die Hand, die wundervolle Hand in einer weißen Schlinge – kam er. Ich brauchte ihn nur zu sehen, und mein Mitleid verdrängte jedes andere Empfinden. Er war verwundet, er litt und – ich liebte ihn. Über das Geschichtsbuch gebeugt, fielen meine Thränen auf das Blatt herab und verwischten vor meinen Augen den weiten Druck. Er stand vor seinem Pulte. Mit der Linken führte er das Blei, mit dem er die eingehändigten Abschriftseiten durchstrich und zeichnete. Wenn er mit leis' verzogenem Munde innehielt und mit der guten Hand im Schmerz die kranke faßte, durchfuhr mich's wie ein Stoß. Von neuem lebte die fatale Eifersucht in meinem Herzen auf. Ihr Tuch lag um die Wunde – es war ihr weißes Linnen, das er sanft berührte. Sie saß so ruhig da – die selbstbewußte Samariterin, deren Tuch so weiß war – so abscheulich weiß und sein – ich zog verlegen an dem meinen. Es sah beschämend aus. Ich stopfte – ohne Kommentare – das gefleckte arg zerknitterte Häufchen einst rein gewesener grober Leinwand mit Hast in sein Versteck zurück und ließ mein nasses Angesicht nur tiefer sinken. Was hatten sie sich plaudernd auf den Flur zu stellen, er und sie? Weshalb blieb sie vor uns so reserviert, wenn sie im Flur mit ihm so viel zu plaudern hatte? Vor meinen Augen schwirrte es. Die krummgezogenen Finger kritzelten unleserliches Zeug ins Heft und strichen durch und fingen wieder vorne an, und immer wieder fielen meine Thränen auf das Heft. O – ich war tief unglücklich. Da trat er auf mich zu.
»Nun Kleine – will es nicht gehen?« Ich fuhr zusammen. Meine Hände zitterten. Er beugte sich und sah auf mich herab. Fort war der heftige Schmerz, den ich gefühlt – fort auch – meine mühsam bewährte Tapferkeit. Wie goldiger Sonnenschein durchflutete es mein Inneres – ich warf aufschluchzend meinen Kopf auf meine Arme nieder und fühlte, am ganzen Körper erbebend, die Hand – die angebetete – auf meinem Haar; dann ertönte grell die Schulhausglocke. Die Stunde war zu Ende.
Die Welt war plötzlich schön geworden. Von jenem Tage an vertraute ich Fanny Dayson all meinen Liebesschmerz – haßte ich Tommie, der den Verräter spielte – liebte ich mehr denn je – den Lehrer, der mich verzog, und als das Schreckliche geschah – fiel es vernichtend auf mein liebendes Gemüt. Mr. Page ward plötzlich entlassen. Wieso – warum – woher – darüber herrschte unverbrüchliches Schweigen. Wie eine Todesbotschaft traf uns die Vermeldung seines bevorstehenden Scheidens, und wir wehrten uns redlich dagegen. Leider vergebens. Eine Petition mit Namensunterschrift sämtlicher Schulkinder wird vom Direktor mit Nichtachtung beiseite gelegt. Trauermienen – zu allen Stunden an den Tag gelegt – erfuhren die schärfste Rüge. Die Wochen gingen zu Ende, der Tag des Abschieds war da. Wie eine Versammlung leidtragender Vereinsglieder umzingelten wir Mädchen den geliebten Erzieher. Fanny fehlte an jenem Tage. Der Tisch des Lehrers prangte von Feldblümchen und schöngebundenen Rosenbouquets – kleine Andenken und Liebesgaben aus enthusiastischen Kinderhänden. Die Abschiedsrede des Mannes hatte die Klasse in Thränen überfließen lassen. Wohl zehnmal machte er abschiednehmend unter ihr die Runde, wohl zehnmal hatten ausgestreckte tintebekleckste Hände den Ausgang an der Thüre gesperrt.