Ich stand – ein nie genug zu preisender Glückszufall hatte mich mit einem denkwürdig reinlichen Taschentuch versehen – dicht an des Lehrers Tisch und schluchzte still in meine Hände hinein. Als der entscheidende Moment seines Abschieds wirklich gekommen war, und er mit einigen Schritten an mir vorüber wollte – überkam's mich plötzlich wie eine bange Ahnung bevorstehenden tiefen Schmerzes. Ich sollte ihn verlieren, ihn, den ich liebte, den ich immer lieben würde – – ehe ich mir dessen selbst bewußt wurde – hatte ich mich auf ihn gestürzt. Mit meinen Händen krallte ich mich an seinen Arm, während meine glühenden Wangen von Naß überströmt an den Zweireihknöpfen seines Rockes umherwühlten. Mit welchen Mitteln weicher Zuredungskunst es ihm gelang, mich zu beruhigen – ich weiß es nicht, gewiß ist, daß wir alle der in ein graues kurzes Jaquet gekleideten elastischen Gestalt die Treppe hinab das Geleit gaben, dem Scheidenden in herzzerreißender Weise unser »Farewell Mr. Page« nachschluchzend.

Mit ernsten Mienen standen die übrigen Lehrer des Instituts an den Ausgangsthüren ihrer Klassen. Die gemessene Art, mit der sie unserem Abgott ihr »Leben Sie wohl!« sagten, war für uns – für mich geradezu empörend. Von Mitgefühl überwältigt, trabte ich – im Gefolge der ganzen Klasse – neben dem Manne her, immer von neuem das klagende »Oh, Mr. Page! Farewell, Mr. Page!« in die Sonne hinausweinend.

Die Straße, in der wir uns trennen mußten, war erreicht. Weiße Tücher, von Thränen feucht, flatterten dem Idol Abschied winkend nach. Gebrochen, schmerzgelähmt – gramerfüllt kam ich nach Hause. Was hatte das Leben nun noch frohes für mich? Die Dämmerstunde war gekommen. Ich hatte mir eine jede einzelne Zärtlichkeitsäußerung meines Helden vor die Erinnerung gerufen – ich hatte in meinem Schmerz gewühlt, bis zur Unerträglichkeit. Mein Herz schrie nach Mitteilung. Ich mußte von ihm sprechen, seinen Namen nennen, nennen hören – mußte klagen und mich trösten lassen. Aber wo – wer? Ah – ein Gedanke. Fanny. Sie hatte in der Schule gefehlt. Sicherlich war sie krank. Das war eine Ausrede, als ich – ein Tuch über den Kopf schlingend – im Dämmerlichte an den Häusern entlang schlich, bis ich das Eckhaus erreichte, dessen Vorgarten zu durchschreiten war, um an die kleine Pforte zu gelangen, die zur Freitreppe führte. Die Gartenthür stand offen und ich trat ein. Unter den halb gesenkten Jalousien des Wohnzimmers zu ebener Erde leuchtete eine niedergeschraubte Lampe über den frischgeworfenen Kiesweg. War Fanny drinnen? Schlief sie vielleicht? Diese Gedanken jagten mir durch den Kopf, als ich zögernden Fußes über den Weg schritt. Plötzlich hörte ich Stimmen. Flüsternde Stimmen. Ich stand still, um zu lauschen. Sie kamen über den Zaun, der den Garten von der freien Wiese trennte. Ich stand im Nu auf den Stufen der Freitreppe. Von dort übersah ich den Zaun. Die Wiese lag im Dunkel. Stimmen drangen zu mir herüber und mein Auge – an die Dunkelheit rasch gewöhnt – erblickte zwei Gestalten. Warum ich – mit ahnungsvollem Herzen – hinüberstarrte, wußte ich nicht. Was ich sah, machte mich schwindelig, was ich hörte raubte mir das Bewußtsein. An einen Baumstamm gelehnt stand – mein Idol – bei ihm, die weißen Hände auf seiner Brust gefaltet – den Kopf zurückgeworfen – Fanny – meine heimtückische Rivalin. Ich hörte ihre Worte.

»Wer hat uns verraten?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht,« flüsterte er.

»Und die Briefe?« sagte wieder sie.

»Ich habe sie« – er.

»Und du mußt fort?« Die Schamlose duzte ihn.

»Muß wohl,« seufzte das verräterische Idol, »aber ich sehe dich wieder!«

»O mein Gott!« stöhnte sie, und dann war es still und der Mond drängte sich durch die Zweige des Baumes, dessen Laub sie deckte, und ich sah – sah's mit wilder Qual, wie er den angebetenen Kopf neigte und sie küßte.