»Die Kleine?« hört ich sie fragen, »hat sie getobt?« Wie ein Messerstich durchfuhr es mein Herz bei seiner lächelnden Antwort.

»Wie eine Katze – das wilde kleine Geschöpf – es that mir fast leid!«

Sie lachten beide. Der Mond war nun voll durch die Wolken gedrungen. Sein Silberlicht durchkreuzte die vom Winde leicht bewegten Zweige. Ich sah's noch, wie er den kleinen Reif vom Finger zog, um ihn an ihre Hand zu stecken, wie er sich beugte, um die kleine Hand zu küssen. – »Braut« sagte er leise und in meinem Innern ward es plötzlich totenstill. Schweigend – heimlich, wie ich gekommen – schlich ich mich wieder davon. In dem hohen Grase auf der andern verborgenen Seite der Wiese – lag ich bis zu später Stunde hingeworfen – das Gesicht zur Erde gekehrt, und weinte – weinte schmerzzerrissen – leidenschaftlich erzitternd, meine erste Enttäuschung – in die feuchten Gräser hinein, unter dem Glanze des stillfahrenden Mondes, in der tiefdunklen Einsamkeit der Nacht.

Das Lied.

Aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes lugte der blonde Krauskopf eines Kindes. Die kleine Gestalt mußte auf Fußspitzen stehen und aufs äußerste gereckt sein, denn den vorübergehenden Passanten ward nur die Spitze einer aufwärtsgehenden kleinen Nase und ein Wulst in die Stirne fallender krauser gelber Haare sichtbar. Um so deutlicher aber drang eine Kinderstimme auf die Straße herab, welche in monotoner Wiederholung mit der ganzen Beharrlichkeit eigensinniger Kleinen halb klagend halb gereizt den Ruf »Jinnie oh Jinnie« ertönen ließ.

Die Ausdauer des Kindes, verbunden mit dem drollig vorgestreckten unsicher schaukelnden Köpfchen hätte etwas Lächerliches gehabt, wenn nicht in dem tiefen, von Thränen erstickten Tonfall etwas Rührendes gelegen, das den Vorübergehenden unwillkürlich zurückblicken ließ.

Frau Martha Terris hob gerade mit Hilfe ihres Hausmädchens den Kinderwagen von den Stufen ihres gegenüber gelegenen Wohnhäuschens, um darin ihr acht Wochen altes Erstgeborenes in der Morgensonne auf und ab zu fahren, als der Ruf des kleinen Menschen vom zweiten Stockwerk des Thompsonschen Hauses zu ihr herabdrang:

»Jinnie oh Jinnie!«

»Thompsons Junge hat schon wieder seinen Anfall,« bemerkte sie mit einem Aufblick nach der Richtung der gelben Locken – dann nahm sie mit einem besorgten »leise, leise« der Dienerin das schlafende Baby ab und bettete es sorglich in die Kissen des Wagens.

»Ich sehe es kommen, daß der Schreihals sie weckt,« murmelte sie halb vor sich hin, einen ängstlichen Blick von ihrem schlafenden Sproß fort zum Fenster hinaufsendend, und mit der ihr eigenen entschlossenen Hast setzte sie das kleine Gefährt in Bewegung, damit das Räderrollen ihre Stimme übertönte, und wandte sich geärgert dem beharrlich rufenden Krauskopf zu.