»Neddie Thompson – wen rufst du denn?«
Die zwei kleinen Hände, die zur besseren Stütze des hin und her balancierenden Körpers die Fensterbank umklammert hielten, fuhren weiter hinaus und klammerten sich von neuem ein. Das Kind mußte sich innen an der unter dem Fenster entlanglaufenden Holzeinrahmung festgestemmt haben, denn der blonde Lockenkopf tauchte plötzlich über der Brüstung hervor, und ein sehr verweintes blaues Augenpaar heftete sich auf die Fragerin.
»Wen du rufst, wollte ich wissen!« Der Ton der guten Frau war wenig geeignet, das Zutrauen eines Kindes zu erwecken; der Schmerz des Kleinen mochte indes alle anderen Bedenken in den Hintergrund gedrängt haben – das Köpfchen nickte wie zur Bekräftigung seines Rechtes zweimal und der zuckende Mund erklärte beharrlich ernsthaft: »Jinnie will ich!« Frau Terris blickte während einiger Sekunden vor Mißbilligung stumm geradeaus.
»Hat man je so etwas« – murmelte sie, unterbrach sich aber mit einem sehr beredten Achselzucken. »Wo ist denn deine Jinnie?« fragte sie streng.
»Fort!« Der Antwort folgte jene Pause, in der von oben der sehnsüchtige Kindesruf wieder angestimmt wurde, und gleich darauf drang aus dem Innern des Wagens leises Wimmern.
»Ein abscheulicher Junge,« schimpfte die junge Frau, indem sie das Gefährt energisch hin und her schaukelte, »wenn meine junge Dame da drinnen sich jemals einfallen lassen sollte, einen solchen Singsang anzustimmen, ich wollte ihr meine Meinung über derartige Anwandlungen klar machen – das wollt' ich. Sei doch mal still du – Neddie Thompson – such' doch deine Jinnie!« Frau Terris sah sich nach diesem ihrem Ausbruch wohlgemeinter Entrüstung genötigt, ihr nun hellweinendes Baby eine Strecke zu fahren. Sie bog ohne weitere Beachtung des Gegenstandes ihres Verdrusses in die Straßenecke ein. So bemerkte sie denn auch nicht, wie die Rufe vom zweiten Stock nachließen, wie die kleinen Hände sich nach der empfangenen Strafpredigt von dem Fenstersims lösten und das Stumpfnäschen – darüber der gelbe Lockenwulst – aus dem Rahmen desselben verschwand. Es hätte sie jedenfalls in Erstaunen gesetzt, zu bemerken, wie nach einer Viertelstunde die kleine dicke Kindergestalt sich unbeholfen rückwärts schiebend die steile Wendeltreppe hinabkletterte, durch die wegen der milden Sommerluft offenstehende Hausthüre trat und mit unbeschuhten Füßchen und barhäuptig die Straße erreichte und unbekümmert darum, daß die heiß und heißer werdenden Sonnenstrahlen ihm auf das unbedeckte Köpfchen fielen – seinen Weg geradeaus nahm und um die scharfe Ecke verschwand. Noch mehr würde es die junge Frau gewundert haben zu hören, wie der kleine Fußgänger von einem alten Gärtner angehalten, nach dem Ziel seiner Wanderung befragt, mit wohlgelungener Nachahmung des Terrisschen Tonfalls »ich such' meine Jinnie« erwidert hatte.
Als Frau Terris nach einstündigem Spaziergang die Richtung ihres Hauses wieder einschlug – das Gefährt mit dem schlafenden Terrisbaby vor sich herschiebend – gewahrte sie zwischen dem ihren und dem Thompsonschen Hause eine Anzahl gestikulierender Menschen, welche unter bedauerlichem Achselzucken nach allen Richtungen hindeuteten und die Köpfe schüttelten.
»'s ist der Junge von drüben,« erklärte das herbeigeeilte Hausmädchen, das – ihrer Pflichten eingedenk – die Vorkommnisse der Nachbarschaft in Abwesenheit der Herrin getreulich überwachte und zungengeläufig herzählte. »'s ist der Junge von drüben!«
»Gestürzt?« fragte Frau Terris rasch – etwas Neugier, etwas Angst im Ton.
»Gestürzt nicht. Verschwunden – verloren – fort. Sie suchen ihn überall!«