Einmal wurde ich nachts elf Uhr zu einer armen Magd gerufen. Schon zwanzigmal hatte sie Erbrechen gehabt, zwanzigmal schon an starkem Durchfall gelitten. Der Arzt war zwei Stunden weit entfernt. Die Magd wollte zum Tode vorbereitet werden; denn, sagte sie, sie fühle nur zu gut, daß sie dieser schrecklichen Krankheit erliegen müsse. Hände und Füße waren einer Eismasse gleich, das Gesicht blaß, die Gesichtszüge eingefallen, die Zeichen der Auflösung waren da. Sofort versuchte ich die Sterbenskranke in Schweiß zu bringen, von dessen Zustandekommen nach meinem Urteile alles abhing, Leben oder Tod. Schleunigst brachte die Hausfrau zwei große, grobe Leintücher. Ich ließ dieselben in heißes Wasser eintauchen, mehrfach zusammenlegen, auswinden und die fast heiße, dicke Überlage auf Brust und Unterleib decken. Unter dieselbe, auf den bloßen Leib, kam zuvor ein einfaches Tuch, das in heißen Essig getaucht war, zu liegen. Die nasse, heiße Auflage umhüllte und schloß nach außen ab ein Federbett, alles so warm und schwer, wie es die Kranke nur ertragen konnte. Schneidend drang die Hitze in den Choleraleib, und in 15 Minuten war der ganze Körper durchwärmt. Nach weiteren 20 Minuten perlten schon Schweißtropfen vom Gesichte. Ich ließ die heiße Decke nochmals in heißes Wasser tauchen. In ganz kurzer Zeit hörten alle Krämpfe auf, das Erbrechen und der Brechreiz verloren sich. Um der von außen wirkenden Wärme nach innen entgegenzukommen, bekam die Kranke eine Tasse Milch mit Fenchel (ein Löffel voll gemahlener Fenchel wird drei Minuten in Milch gesotten) so warm als möglich zu trinken.[30] Die Kranke kam in reichlichen Schweiß, und sie war gerettet.
Es durfte und darf in solchen Fällen nicht vernachlässigt werden die Ausheilung, die nicht schwierig ist, aber wichtig. Es soll der Rekonvaleszent (der Genesende) täglich einen Unteraufschläger (ein mehrfach zusammengelegtes Tuch unter der ganzen Rückenlänge) nehmen, ein Stunde lang; gleichfalls täglich einmal eine Stunde lang einen Oberaufschläger (dasselbe Tuch auf Brust und Unterleib), jedesmal gut zugedeckt. Auch unsere Kranke tat so, und in 10–12 Tagen war sie hergestellt. Ein zweiter Fall wurde ebenso und mit demselben Erfolge behandelt.
Zwei Bemerkungen will ich hier nicht unterdrücken.
Wenn die oben angeführten Symptome (Kennzeichen) der Krankheit wie heftiges Abführen, Erbrechen, Krämpfe usw. erscheinen, so soll man nicht säumen, solche Kranke alsbald ins Bett zu bringen. Landleute sind in dieser Beziehung gegen sich oft zu hart und deshalb unklug. Nach innen gebe man einen warmen Trunk. Drohen krampfhafte Zustände einzutreten, oder wollen die Füße eiskalt werden, so bringe man alsbald eine warme Überlage auf den Leib, nicht länger als zirka drei Viertelstunden. Ebenso lange lege man sich auf eine ebenfalls warme Unterlage. Wiederholen sich die Krämpfe, so können die Überlage und die Unterlage wiederholt werden. Treten Wärme und Schweiß ein, so hat man’s gewonnen.
Vorsichtig sei man, bis alles wieder in Ordnung ist, mit Essen und Trinken. Von der gewohnten einfachen Kost wähle man das Leichtere aus. Als Getränk diene am besten warme Milch, die Heil- und Nährmittel zugleich ist.
Wütet die Cholera an einem Orte, so vertraue auf Gott und sei unverzagt! Wasche zur Vorsicht jeden Morgen und jeden Abend kräftig die Brust und den Unterleib; kaue täglich zehn bis zwölf Wacholderbeeren, und sollten diese dir abgehen, so kaufe dir Pfefferkügelchen! Für 20 Pfennig erhältst du eine große Anzahl. Täglich zweimal je fünf solcher Pfefferkügelchen erwärmen den Magen, unterstützen die Verdauung und leiten die Gase aus.
Cholerine.
Fast in jedem Orte zählt man jedes Jahr einige Fälle von Cholerine; mir selbst sind jährlich solche Kranke genug vorgekommen. Die Cholerine ist die Cholera im Kleinen, ein recht unlieber, wenn auch weniger gefürchteter Gast. In ihrem Gefolge sind heftiges Abführen, starkes Erbrechen, zuweilen stärkere oder schwächere Krämpfe.