Mitternachts wurde ich einst zu einem Kranken gerufen. Er wußte nicht mehr zu atmen. Husten und Brechreiz waren groß. In der Brust, besonders auf der einen Seite — so klagte er — gehe es zu, wie wenn man sie mit Messern durchsteche; der ganze Körper glühe schrecklich. Ich providierte den Kranken nicht, wie die Angehörigen baten, und bereitete ihn nicht zum Tode vor. Aber ich ließ ihn von unter den Armen an in nasse Tücher einwickeln (Unterwickel) und auf die schmerzende Stelle ein Topfenpflaster auflegen. Zum Einnehmen erhielt er einen Löffel Salatöl. Das tat wohl. Sechs Tage wurde so fortgefahren, und der Todkranke war außer Gefahr.

Stirbt jemand an der Lungen- oder an einer anderen inneren Entzündung, was ist da im Inneren vor sich gegangen, wie haben wir uns dieses vorzustellen? Im Äußeren spiegelt sich das Innere. Du hast sicherlich schon hie und da bei anderen kleine Geschwüre gesehen — man nennt sie Karbunkel — oder solche an einem Arm, Fuß, einer Hand oder auf deinem Rücken, Magen, deiner Brust usw. vielleicht schon selbst empfunden. Wie entwickeln sich diese? Wenn sich so ein Geschwür irgendwo bildet, entsteht an der Stelle erst eine Röte, und man fühlt im Innern ein Brennen. Die Geschwulst nimmt zu, und nach einiger Zeit bemerkt man an jedem dieser spitzen Kegel, seien sie groß oder klein, einen erhöhten weißen Punkt. Man sagt: das Geschwür ist reif, zeitig, und schneidet es auf oder drückt es aus. Es kommt Eiter heraus und mit und nach dem Eiter in Fäulnis geratenes Blut. Gut ist’s!

So ein kleines „Blutschwär“ (Blutgeschwür), wie es die Landleute nennen, verursacht meistens große Schmerzen, nicht allein an der Hand, am Fuß usw., wo es sich ansetzt. Man „spürt’s in allen Gliedern“, der „ganze Körper tut weh“. Das ist der deutlichste Beweis, daß der ganze Körper selbst bei solchen unscheinbaren Übeln in Mitleidenschaft gezogen wird, so daß folgerichtig es dem ganzen Körper zugut kommt, wenn derlei Dinge gut ausheilen, und daß er leidet, und daß es sich rächt, wenn sie vernachlässiget werden.

Kommt ein derartiges größeres Geschwür nicht zur Entwicklung, zum Aufbrechen, „wills“ nach dem Volksmund „nicht heraus“, so färbt sich nach und nach die kranke Stelle blau und rotbraun. Das Blut steht ab, und das abgestandene Blut wird und wirkt giftartig. Ein Biß der unheimlichen Klapperschlange, ein Tropfen Schlangengift ins Blut, und nach einigen Minuten tritt der Tod ein. Solches Blut ist Gift. Mischt es sich mit dem gesunden Blute, so vergiftet es auch dieses, es beginnt eine Blutvergiftung. Kann sie nicht aufgehalten werden, so endet sie stets mit dem Tod. Nicht anders haben wir uns den Prozeß im Inneren zu denken. Die Vergiftung vollzieht an edlen Organen ihr Werk nur schneller und wütet unheilvoller und schrecklicher. „Er unterlag einer Blutvergiftung,“ wie die heutige Sprache sich ausdrückt, oder: „Er ist am Brand gestorben,“ wie die alten und gemeinen Leute sagen — das sind beides nur verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache.

Martin, ein schöner, starker Mann, bekommt heftiges Fieber. Zuerst schüttelt ihn entsetzlicher Frost. Dann quält ihn brennende Hitze. Der Kopf ist so heiß, daß der Arzt auf eine Gehirnentzündung schließt. Das ganze Innere steht in Flammen; diese schlagen durch den glühenden Atem gleichsam zum Munde heraus, oder besser: wie die innere Glut den Holzhaufen verbrennt, so arbeitet die Glühhitze schrecklich, die inneren Organe in raschem Tempo zu verkohlen. Die Vorboten des Übels waren Kopfweh, Abgeschlagenheit, Mattigkeit und Frost. Außer dem Fieber aber fühlt der Kranke jetzt an keiner einzelnen Stelle besonderen Schmerz. Nach 10 Tagen war der Mann eine Leiche, und beim Sezieren stellte es sich heraus, daß das Gehirn intakt, unverletzt, daß der Arme vielmehr an einer Lungenentzündung gestorben war.

Wie hätten Sie diesen Fall behandelt?“ fragte man mich. Zuerst eine Vorbemerkung. Dieser Fall zeigt sonnenklar, wie leicht die Diagnose (die Kunst, nach den Erscheinungen die Krankheit zu unterscheiden und zu finden) täuschen kann. Bei Lungenentzündung ist fast regelmäßig Stechen, Brennen in der Lungengegend, Husten und Brechreiz vorhanden. Unser Kranker fühlte davon nichts. Wie hart tut in derlei Fällen — vielleicht komme ich später einmal in die Lage, davon mehreres zu sagen — der Allopath! Und wohlgemerkt, es ist oft die höchste Zeit, die Feuersbrunst hat schon große Dimensionen (Ausdehnungen) angenommen. Die Feuerspritze darf das Feuer nicht verfehlen, sonst ist’s geschehen. Auch tropfen- und löffelweise kann ich da nicht mehr zu Werke gehen, die Tropfen zehrt das Feuer augenblicklich auf. Mein einfacher Grundsatz in solchen verzweifelten Fällen — und es wird ihn wohl niemand anfechten — heißt: Wenn’s brennt, so lösche; lösche zuerst, wo es am meisten brennt; ist der ganze Körper ein Brand, so lösche auch am ganzen Körper! Vielleicht wirst du Herr des ganzen Feuers; jedenfalls schwächst du es und hast zu weiterer Überlegung Ruhe und ein freies Ausschnaufen.

Dem Kranken hätte ich während 3–4 Stunden jede halbe Stunde Rücken, Brust und Unterleib waschen lassen. Die Wut des Feuers wäre so um vieles gedämpft worden. Dann hätte ich weiter gelöscht mit Ober- und Unteraufschlägern — Unteraufschläger zum Daraufliegen recht dick (mehrfach zusammengelegt) — und mit nassen Socken oder Tüchern bis über die Knöchel, letztere nach jeder Stunde neu eintauchend. Hatte der Kranke sonst gesunde Lungen, — und mir scheint solches der Fall zu sein, wenn er im höchsten Stadium der Lungenentzündung keine Schmerzen fühlt, — so sollte er menschlich gesprochen, d. h. wenn Gott in seinen ewigen Ratschlüssen nicht anders bestimmt hat, gerettet werden.

Epilepsie.

Derart Heimgesuchte lasse ich nie berichten. Ich frage sie nur, wie lange sie dieses Übel schon haben, ob sie den Anfall, die Vorzeichen desselben jedesmal bemerken, wie alt sie seien, ob die Geisteskräfte noch frisch oder schon tief heruntergekommen seien.

Nach meiner Überzeugung hat auch diese Krankheit ihren Hauptsitz im Blut, sei es nun Blutarmut, krankhaftes, verdorbenes Blut oder ungeregelter Blutlauf. Meine Ansicht wird unterstützt durch die oft sich wiederholende Tatsache, daß hervorgelockte Ausschläge, gleichsam die Niederschläge, die Ausdünstungen des Blutes, solchen Kranken stets dauernde und sichere Hilfe gebracht haben, daß ferner sogenannte Unheilbare stets durch Aufgedunsenheit, blaue Farbe (das sind Anstauungen von verdorbenem Blute) sich kenntlich machen.