Fußleiden.

Ein Beamter klagt über einen lange schon offenen Fuß, der ihm im Berufe recht hinderlich sei. „Die Wunde unten an der Wade,“ so erzählt er, „ist bedeutend, und es fließt täglich viel Unrat aus derselben; schrecklicher noch als die Wunde und Entzündung kommt mir vor die Farbe des Fußes. Derselbe ist um und um schwarzblau. Ärzte befragte ich mehrere. Neben anderem ließen sie mich viel Mineralwasser trinken. Alles vergebens!“

Der Mann, gegen 45 Jahre zählend, zeigt kräftigen Körperbau, etwas Anlage zur Korpulenz. Das Aussehen ist ziemlich gerötet; ich erkannte sofort den Bierfreund. Die Augenwinkel waren trüb, die Augen selbst etwas gelb, die Ohren hochrot. Auf die Frage, ob er sich sonst gesund fühle, entgegnete er: „Mir fehlt gar nichts, ich habe den besten Appetit, ein Trinker bin ich nicht; es schmecken mir täglich meine zwei bis drei Glas Bier recht gut. Mein Leiden ist ein rein lokales, eines der so häufigen Fußleiden.“

Alle derartigen Kranken — eine Ausnahme ist so selten wie ein weißer Rabe — klagen stets nur über die wehtuende oder fließende Stelle und halten dafür, diese müsse zuheilen und so gesunden. Das umgekehrte Verfahren indessen ist das richtige. Erst muß man den Körper heilen, erst alle unreinen Säfte aus ihm entfernen, und die Mündung der Kloake, die Fußwunde heilt dann von selbst zu. In der Tat existiert nach meinem Dafürhalten keine verderblichere Blindheit und keine schädlichere Torheit, als einen Fleck, eine Öffnung heilen, eine Pforte verschließen zu wollen, durch welche der kranke Körper sich oft allein noch retten kann. In den Bergen sammeln sich die Wasser; sie brechen durch, und es fließt ein kristallheller Quell. Ähnlich geht es in manchem Körper zu; es strömen die ungesunden Säfte nach einer Stelle hin und drängen und treiben, bis ein Durchbruch geschehen ist.

Die Natur selbst zeigt an, wie sie sich helfen kann und will. Wir binden ihr sozusagen Hände und Füße, verstopfen und versalben ihr die Rettungswege. Wenn da das Ende Untergang und Verderben der Natur, des Körpers ist, wer will sich wundern?

Dem Beamten riet ich, er solle vierzehn Tage lang täglich einen Unterwickel nehmen, je 1½ Stunden lang, und zweimal im Tage den Oberkörper kräftig waschen; dazu wöchentlich einen Kopfdampf von 20 Minuten. Diese Anwendungen sollten den Körper reinigen, zugleich zur Ausscheidung der kranken Säfte kräftigen. Nach vierzehn Tagen kam der Kranke wieder; seine ersten Worte waren: „Ich habe das letztemal gesagt, ich sei nicht krank; jetzt aber weiß ich, daß ich recht krank war. Ich konnte nurmehr mit Mühe die Treppen steigen, so hart ging der Atem. Stets war ich ungewöhnlich aufgetrieben. Als ich dieses voll Angst dem Arzte sagte, meinte er, ich möge doch nur bedenken, daß ich allmählich älter werde. Jetzt aber,“ fuhr der Mann fort, „fühle ich mich ganz anders, wie neugeboren. Das Atmen geht leicht, und mir ist so wohl. Die Launenhaftigkeit hat mich früher fast zugrunde gerichtet; jetzt aber habe ich den heitersten Humor, und Essen und Trinken schmeckt mir wie nie zuvor. Daß man mir aber dieses früher nie gesagt hat! In diesen vierzehn Tagen,“ so schloß der Patient, „ging ungemein viel Urin ab; im Körper, besonders im Unterleib fühle ich mich viel leichter; schon lassen auch die Schmerzen im Fuße etwas nach, und der Schaden scheint gleichfalls zu heilen. Was muß ich weiter tun, damit der Fuß vollends heil werde wie der Körper?“

Der Beamte nahm wöchentlich noch zwei Unterwickel auf je eine halbe Stunde und täglich einen kräftigen Oberguß. Auf den Fuß legte er täglich ein drei- bis viermal in lauem Wasser neu angefeuchtetes leinenes Läppchen. Sonst durfte am Fuße absolut nichts geschehen. Wenn die Quelle nicht mehr gespeist wird, hört das Fließen von selbst auf, und sie versiegt. Nach weiteren 14 Tagen kam der erfreute Beamte wieder; am gesunden Körper hatte er auch wieder einen gesunden Fuß. Seitdem hat er nie aufgehört, die Heilkraft des Wassers zu loben. Ein so Geheilter soll (und dieses ist sehr wichtig), um die Ansammlung neuer Krankheitsstoffe zu verhüten, die eine oder andere der erprobten Anwendungen noch längere Zeit hindurch vornehmen. Er wähle unter den Übungen jene, deren Wirkung er als die wohltätigste verspürte.

Agatha litt seit Jahren an einem kranken Fuße, der von Zeit zu Zeit aufbrach, dann wieder von Zeit zu Zeit zuheilte. Über die unvermeidlichen Salbereien verliere ich kein Wort mehr, es würde mich nur aufregen. Der Arzt versprach der Kranken Heilung, wenn sie längere Zeit hindurch getreulich tun wolle, was er bestimme. Der Fuß wurde in ziemlich hohe Lage gebracht, so daß er im Bette etwas höher zu liegen kam als der Unterleib. Fast augenblicklich ließen die Schmerzen nach. Man brachte an die Wunde eine Kleinigkeit, ich weiß nicht was, und band sie gut ein. Der Kranken ging es vortrefflich; sie war ohne alle Schmerzen in dem kranken Gliede, und die Heilung machte große Fortschritte. Die Fußwunde war geschlossen. Plötzlich fühlte Agatha einen schweren Kopf und etwas Schwindel; doch sie machte sich nicht viel daraus. Nachts indessen überfiel sie eine solche Schwäche und Ohnmacht, daß der herbeigerufene Arzt erklärte, es trete schneller Marasmus ein, mit Agatha nehme es ein baldiges Ende. Nachts 12 Uhr noch mußte die Kranke versehen werden; fünf Tage lang lag sie regungslos da. Sie atmete mühsam und war geistesabwesend, wie betäubt. Am sechsten Tage kehrte die Besinnung wieder, mühsam brachte sie auch einige Worte zusammen. Ohne Geheiß legte sie selbst nasse Wickel um den Leib und den kranken Fuß. Den zweiten Tag schwoll der Fuß bedeutend an und begann heftiger zu schmerzen. Der Kopf aber und die Besinnung wurden besser. Agatha wickelte den Unterleib und den Fuß mutig weiter ein. Der halbe Fuß entzündete sich heftig, und nach fünf Tagen brach er auf. Die Heilung, wie oben angegeben, war ein leichtes. Agatha erhielt ihre frühere Gesundheit wieder.

Was aber hatte wohl der Anfall zu bedeuten? Am allerwenigsten einen Marasmus. Dem Knaben, der sich auf den Kopf stellt, muß das Blut zum Kopf strömen. Die vom Fuße gewaltsam (durch die erhöhte Lage) zurück und nach oben getriebenen Säfte stiegen der Brust und dem Kopfe zu und bewirkten die fatalen Erscheinungen. Die Wickel leiteten sie wieder nach unten, das Wasser öffnete die Wunde, und die kranken Stoffe, die ihre früheren Wege und Ausgänge offen fanden, ließen die Brust frei atmen und den Kopf frisch und leicht denken.

Daß jeder dieses recht beherzigte, der mit solchen „Bresten“ behaftet ist! Ich weiß gut: viele Ärzte der neuen Schule denken da ganz anders. Bei vielen Ärzten indessen, auch bei mir bleibt in dieser Beziehung alles beim alten. Ich halte und nenne jede offene Stelle, welche die Natur selbst sich gräbt, um das Ungesunde auszuwerfen, solange dieselbe fließt, eine Gesundheits- und Lebensversicherung. Wer kennt nicht Fälle genug, daß Leute nach zugeheilten Füßen schnell gestorben sind? Und wer weiß nicht, daß, wenn solche offene Füße im Alter sich schließen, der Sensemann kein ferner Gast mehr ist?