Arme Eltern brachten ihren Knaben von zehn Jahren und erzählten folgendes: „So oft man zur Kirche läutet, fängt der Bube an zu toben und in der heftigsten und gräßlichsten Weise die entsetzlichsten Flüche auszustoßen, Flüche und Schwüre, die wir in unserem Leben noch nie gehört haben. Er flucht so lange, als er die letzte Person auf dem Kirchwege sieht. Dann hört er auf. Sobald aber nach vollendetem Gottesdienste der erste Andächtige die Kirche verläßt, fängt er auch schon wieder an, zu schwören, und er schwört und flucht fort, bis er niemanden mehr erblicken kann. Wenn wir beten, so flucht er; hören wir auf, so hört auch er auf. Hochwürden, es ist schrecklich. Man mag anwenden, was man will, helfen tut gar nichts, am wenigsten das Einreden; das macht ihn nur noch heftiger. Seine Mutter packte er einmal mit beiden Armen wie mit Krallen und schüttelte sie derart, daß man nicht glauben sollte, wie ein Knabe so viel Kraft entwickeln könnte. Ärzte sind mehrere befragt worden, geholfen hat nichts. Benediziert wurde er auch; da hat er noch am ärgsten geflucht usw.“
Der Knabe hatte ein ganz sonderbares Aussehen: abgestandene Gesichtsfarbe, im höchsten Grade wildaussehende Züge; die Haare standen, wie beim Igel die Stacheln, senkrecht in die Höhe. Ich unterstand mich, seine Hand anzufühlen; er wollte mir sofort ins Gesicht springen. Zwei Priester, welche den schrecklichen Zustand gesehen hatten, sagten: „Wer an eine Besessenheit glaubt, muß sagen: hier ist sie.“
Ich faßte das Leiden von Anfang an ganz natürlich auf und täuschte mich auch dieses Mal nicht; in sechs Wochen war das arme Kind vollständig geheilt. Ich ließ den Knaben täglich auf 1 bis 1½ Stunden ein Hemd anziehen, das in Wasser (mit etwas Salz) getaucht war, ebenfalls täglich einmal mit einer Mischung von Wasser und etwas Essig ganz waschen. Beides dauerte vierzehn Tage lang. In der dritten Woche bekam er den einen Tag ein (oben beschriebenes) Hemd angezogen, den andern Tag auf eine halbe Stunde ein warmes Bad von 28° R. im Wechsel mit einem kalten (eine halbe Minute), am dritten Tage eine Ganzwaschung. Dieses waren die Übungen der dritten und vierten Woche. In der fünften reichte aus ein nasses Hemd, in der sechsten und letzten ein warmes Bad mit rascher kalter Abwaschung.
Die Umänderung und Besserung vollzog sich rasch. Der ganz kalte Knabe wurde wieder warm, der verlorene Appetit kehrte wieder, und er ließ sich die Milch- und Mehlkost, welche die armen Eltern mit Freuden ihm reichten, trefflich schmecken. Aller Spuk war wie weggeblasen.
Einer der Leser wird vielleicht fragen: „Warum denn wendet der Pfarrer bei solchen Kranken keine Güsse an, da doch in unseren Irrenanstalten die Tobsüchtigen besonders mit Douchen usw. behandelt werden?“ Nach meiner unmaßgeblichen Meinung darf ein Jäger (doch vielleicht ist’s Jägerlatein?), der einen Fuchs aus seiner Höhle locken will, unmittelbar vor das Loch hin nicht schießen. Besser wird’s sein, den listigen Reinecke mit einer Lockspeise (etwa einem Huhn oder Spanferkel) zum gefälligen Herauskommen einzuladen. Nun höre, mein lieber Leser! Wo eine Krankheit drinnen steckt, da steckt auch Krankheitsstoff. Diesen auflösen und ausleiten, das heißt den Fuchs locken und fangen. Eine Douche aber löst nicht auf, leitet aber auch nicht aus. Ist einmal aufgelöst und ausgeleitet, dann hat die leichtere Douche einen Sinn, dann laß ich sie mir auch recht wohl gefallen.
Vor neun Jahren kam ein Mädchen zu mir und erzählte, wie folgt: „Mein Bruder ist schon mehr als ein Jahr im Irrenhause. Er wurde für unheilbar erklärt. Nun bekomme ich ganz dieselben Zeichen, die mein Bruder vor dem Ausbruch der Krankheit hatte. Ich hatte bisher gedient, mußte aber meinen Dienst verlassen; denn ich kann nicht mehr arbeiten. Wenn ich keine Hilfe erhalte, komme ich in Bälde zu meinem Bruder in die Irrenanstalt.“
Auf verschiedene Fragen erhielt ich den Bescheid, daß der Appetit sehr wechsle, manchmal gut sei, manchmal ganz fehle; daß ferner, sobald das heftige Gliederreißen nachlasse, ebenso heftige Brustschmerzen folgen, daß die früher dichten und langen Haare schon mehr als zur Hälfte ausgefallen seien. Sofort war mir klar, daß hier recht verdorbene Säfte ihr Unwesen trieben, und daß das sicherste Zeichen ihres gänzlichen Ausscheidens darin bestehe, wenn die Haare auf dem halbkahlen Schädel wieder festen Fuß faßten und in alter Stärke von neuem weiter wüchsen.
Die Kranke wendete nacheinander folgende Übungen an: zuerst täglich das nasse Hemd, getaucht in Salzwasser oder in Wasser mit Essig gemischt; ebenso täglich lauwarme Halbbäder mit kräftiger kalter Waschung des Oberkörpers (höchstens eine Minute). Es war Sommerszeit. So ging sie jeden Tag viel barfuß mit großem Erfolge, besonders im Morgentau. Dieses dauerte drei Wochen hindurch. Es folgten jetzt warme Bäder im Wechsel mit kalten, sodann der Unterwickel (die Kranke bediente sich des Sackes), in Absud von Heublumen getaucht. Die ganze Kur währte bis zu vollständiger Herstellung drei Monate. Der starke und solide Haarwuchs wies auf gründliche Heilung. Die Person hat später geheiratet und ist gesund bis zum heutigen Tage.
Ein Pfarrer, in seiner Gemeinde hochgeschätzt und geliebt, kam vom Ausland ganz entmutigt zu mir. Er könne, so meinte er, seiner Pflicht gar nicht mehr nachkommen. Dieser Zustand, der sich in großer Traurigkeit, in Mißmut, in Unfähigkeit zum Studieren äußerte, hatte früher schon einmal die Nachbarsgeistlichen veranlaßt, den Armen in eine Anstalt zu bringen. Daselbst verblieb er mehrere Wochen und kehrte ruhiger, aber ungeheilt in seine Heimat zurück. Er beriet mich, was doch zu tun sei, ob er die Pfarrei verlassen oder was er anfangen solle. Der Herr sah gesund, frisch und kräftig aus, was bei solchen Kranken so leicht täuscht und so viele harte, ungerechte und lieblose Urteile veranlaßt.[36] Wer näher zusah, konnte wohl bemerken, daß das Auge trüb, die Farbe verbleicht, die Haare erstorben waren.
Die Anwendungen waren dreifacher Art: der Kopf- und Fußdampf, kalte Ober- und Untergüsse, häufiges Gehen auf nassen Steinen oder ins Wasser stehen, drei bis vier Minuten lang. Nach einigen Tagen folgten warme Bäder im Wechsel mit kalten Ober- und Untergüssen. Am sechsten Tage der Wasserkur zeigte sich ein bläulicher Ausschlag auf dem Rücken. Je mehr dieser heraustrat, um so besser fühlte sich der Kranke. Als der Krankheitsstoff gänzlich ausgeleitet war, war der Pfarrer gesund. Das ganze Heilverfahren dauerte vierzehn Tage. Mit neuem Mut kehrte der seeleneifrige Priester heim in seine Gemeinde.