Geisteskrankheit.

Furchtbar muß es sein, wenn diese Geistesnacht über einen hereinbricht, wenn der Mensch nicht mehr Mensch ist, sondern gleichsam zum unvernünftigen Tiere wird. Noch vor 50, 40, 30 Jahren gehörten Geisteskrankheiten zu den Seltenheiten. Heutzutage mehrt sich deren Zahl (darin sind alle eins) in schreckenerregender Weise. Die Irrenhäuser, so zahlreich sie sein mögen, sind überfüllt, reichen nicht mehr aus. Man baut jetzt vielerorts außerhalb der Großstädte fast ganze Irrenstadtviertel. Unheimlich ist’s, diese Totenfelder von Lebenden zu durchwandeln. Also das ist der Mensch, der so groß tun kann! Gott bewahre uns vor solcher Heimsuchung! Derlei Gedanken umflattern bei solch düsteren Gängen die ernstgestimmte Seele. Das sind die Ganz-Irren. Wie viele hundert, ja wie viele tausend Menschen aber sind halbe Geisteskranke, die entsetzlich viel leiden und selten Hilfe bekommen! In Wahrheit darf ich sagen, daß eine sehr große Anzahl solcher Unglücklichen bei mir Linderung und Heilung suchte, und mit besonderer Liebe und Sorgfalt fühle ich mich jederzeit gerade zu diesen so arg verlassenen und so trostlosen Menschen hingezogen. Sie waren zu wenig krank fürs Irrenhaus, aber unfähig zu jedem Berufsleben. Unsagbar, unbeschreiblich, unzählig und mannigfaltig sind die Plagen solcher Geistesgestörten. Wie zur Sommerszeit in der heißesten Mittagsglut die Stechmücken am ärgsten schwirren, so treiben in dem heißen Gehirn dieser Armen die tollsten Gedanken ihr heillosestes Spiel. Die einen hassen ihren bisherigen, geliebten Beruf, andere wollen nicht mehr beten. Menschenscheu und Menschenhaß hat die einen erfaßt, Haß gegen sich selbst die anderen; sie wollen sich das Leben nehmen usw. Die Köpfe und deren Inhalt sind so verschieden als die armen Individuen selbst.

Bei allen Kranken, die mich aufsuchten, habe ich in den fünfunddreißig Jahren stets Ursachen der Krankheit gefunden. Entweder war das Übel angeerbt, also von Kindheit an grundgelegt, im Keime vorhanden; oder es rührte her von Körpergebrechen, von Krankheiten,[35] wohl auch von der Lebensweise.

Ein Punkt ist wohl zu beachten, weil da so gerne Täuschungen vorkommen. Man bleibe bei der Beurteilung solcher Zustände recht nüchtern, lasse sich selbst den Geist nicht einnehmen. Nicht genug kann ich warnen vor jenem voreiligen, so überaus törichten Gebahren, welches alsbald übernatürliche, besonders teuflische Einflüsse hellsehen will. In Fällen selbst, in denen jedermann fast hätte glauben müssen, der leibhafte Satan herrsche in dem Kranken, hat der einfache kalte Strahl ihn vertrieben.

Mir kam in meiner ganzen Praxis nicht ein einziger Fall vor, in dem natürliche Mittel, recht angewendet, nicht geholfen hätten. Ich klammere mich fest an den Glauben und an das Übernatürliche wie an ein Rettungsboot und möchte — Gott bewahre! — kein Strichlein und kein Pünktlein dieser Glaubens-Überzeugung aufgeben. Nie aber möchte ich den Glaubensfeinden eine Handhabe reichen zum Spotte oder Angriffe auf den Glauben.

Die es angeht, kennen und verstehen mich. Ein Beispiel: Ein Bruder bringt seine Schwester, welche behauptet, mitten in ihrer Brust wohne der böse Geist. Sie wisse vom Teufel viel, der Teufel aber wisse von ihr alles, auch die geheimsten Gedanken; er regiere, leite und beherrsche sie. Ein Narr sei ihr Bruder, noch dümmer sei der Pfarrer, der allerdümmste aber sei der Arzt. Warum? „Weil sie immer sagen, ich solle einen anderen Kopf aufsetzen, meine Torheiten ablegen und ihnen folgen. Wenn einmal der Teufel in einem herrscht,“ fügte die Kranke bei, „dann hat der eigene Kopf das Regiment verloren.“ Es ist nicht zu sagen, wie heftig und unbändig wild die Arme gegen die drei genannten Persönlichkeiten wütete.

Hätten dieselben ruhig geschwiegen — sie wußten ja, wen sie vor sich hatten —, sie hätten die Kranke nicht in so gewaltige Aufregung versetzt, und ich hätte leichter getan.

Bei derlei Kranken kommt alles, ja alles auf die Behandlung an. Ich widersprach ihr mit keinem Worte und sagte bloß: „Ja freilich, in deinem Innern steht es nicht gut.“ Damit war die Kranke zufrieden, und ich hatte sie auf meiner Seite. Sofort faßte sie Vertrauen, wie ihre Antwort bekundete. „Wenn mir einer nicht glauben will,“ so lautete diese, „daß ich den Teufel in mir habe, so wird er ihn auch nicht austreiben können.“

Dieses Vertrauen heißt bei mir jedesmal so viel als: die Kranke ist bereits zur Hälfte geheilt, und deine Arbeit ist mehr als zur Hälfte getan. Die Kranke nahm ein, was ich ihr gab; sie wendete pünktlich das Wasser an, wie ich es bestimmte. In sechs Wochen ward sie vollkommen geheilt. Gewiß interessiert es manchen, was der Person wohl gefehlt hat. Die Kranke sah stürmisch drein. Ihre Gesichtszüge waren eingefallen, die Hände kalt, die Füße noch kälter; auf der Brust fühlte sie einen schweren Druck und im Magen Widerwillen gegen jede Speise. Alles Blut war, so schien es, der Brust zugeeilt. Die erste Aufgabe bestand darin, die Zirkulation des Blutes zu ordnen, dadurch gleichmäßige Naturwärme und ein geordnetes Arbeiten des ganzen Organismus herzustellen. Zu dem Ende mußte die Kranke täglich zweimal bis über die Waden ins kalte Wasser stehen, je zwei Minuten lang, darauf tüchtig gehen, um die Füße so bald als möglich zu erwärmen; dann ebenso die ganzen Arme täglich zweimal ins Wasser halten, je zwei Minuten lang, darauf denselben in irgend einer Weise Bewegung verschaffen, um sie ebenfalls möglichst schnell warm zu bekommen. Zweimal des Tages ließ sie sich, zu Bette liegend, Rücken, Brust und Unterleib mit Wasser und Essig kräftig waschen. Die verhältnißmäßig schwachen Anwendungen mußten durch vierzehn Tage genau fortgesetzt werden. Die heftigste Aufregung ließ nach, wenn auch der Teufel in dem wirren Kopfe immer noch spukte. Die eingefallenen Züge belebten sich. Nach vierzehn Tagen ließ ich kräftiger einwirken. Die Kranke bekam Unterwickel im Wechsel mit Halbbädern (nur eine halbe Minute lang, und jedesmal folgte die Waschung des Oberkörpers) und dem spanischen Mantel; alle drei Anwendungen waren zirka drei Wochen fortzusetzen. Nach der dritten Woche beschlossen die Heilung wöchentlich eine Ganzwaschung und ein kurzer Wickel von einer Stunde. So wurde der vermeinte Teufel ausgetrieben, und die Aufregung wich großer Ruhe und ungestörtem Frieden.