Anna hat schreckliches Weh am Daumen. Man sieht nicht viel. Der Finger ist nur ein klein wenig angelaufen und etwas roter als die anderen Mitgenossen. Nicht allein am Daumen, auch unter der Achsel schmerzt es heftig. Gib acht, in kurzer Zeit wird dein ganzer Körper nicht mehr wohl sein! „Da muß etwas dahinter stecken,“ meint der Vater. Ja freilich muß etwas dahinter und drinnen stecken. Das Mädchen bindet natürlich seinen Finger gut[38] ein und wartet drei bis sechs Tage zu, was das wohl abgeben möge. Der Finger wird dick, auch die Hand schwillt an. Es entsteht ein großes Geschwür; im Finger, im Arm und im Leib zuckt’s. Und es geht recht lange, bis aller Eiter heraus und der Finger an der kranken Hand geheilt ist.
Wie hätte das Mädchen den Finger in die Kur nehmen sollen? Sobald es merkt, daß der Finger, ohne irgend verletzt worden zu sein, schmerzt, so soll es tun, wie die Mutter tut, wenn sie auf dem Herde ein kleines Feuerchen nicht groß haben will, es ausblasend oder mit etwas Wasserspritzen auslöschend. Vielleicht mag’s so gut werden.
Wenn nicht allein der Finger, sondern auch schon die Hand wehe tut, so ist das Feuer größer, es hat mit dem Finger die Hand ergriffen. Darf nun das Mädchen die Hand unter das Brunnenrohr halten, um den Brand zu kühlen und zu löschen? Durchaus nicht! Das Übel besteht nicht allein im Brande, in der Hitze, die zu entfernen ist, sondern vielmehr in giftigen Säften, die aufzulösen und auszuleiten sind.
Dem Mädchen werden in einem kalten Armwickel Finger und Hand umwunden, und dieser Wickel werde so oft erneuert, d. h. neu eingetaucht, als er heiß zu werden beginnt. Der Finger muß zwar nach dem Volksmunde „ein böser Finger“ werden, d. h. er muß und wird aufbrechen; aber alles, was der Wickel auszieht, braucht nicht zu vereitern, und es ist doch ein großer Unterschied, ob das Geschwür die Größe einer Haselnuß oder einer Wallnuß oder noch größere Ausdehnung erreicht.
Sollte das Gefühl der Unbehaglichkeit, des Unwohlseins sich auf den ganzen Körper ausdehnen, so verordnen wir diesem eine Zeitlang täglich den spanischen Mantel. Das Allgemeinbefinden wird in Bälde wieder ein gutes sein.
Eine Art von Geschwür kennen die Landleute insbesondere unter dem Namen „Wurm am Finger“. Die Behandlung vielmehr Mißhandlung eines derart kranken Fingers gibt uns neue Beweise, wie verblendet und töricht die Menschen sind. Es ist, als ob sie für Zeiten der Verstand verlassen hätte, so gedankenlos benehmen sie sich. Mit so einem Wurm am oder im Finger (es wäre interessant, zu wissen, wie sich manche diesen Wurm vorstellen) wird aller mögliche Unsinn getrieben. Jedes Weib weiß eine neue Salbe, und wenn das Salben ausgeht, dann geht die Sympathie, wie sie’s nennen, an. Vorher noch suchen recht abergläubische Menschen einen lebendigen Maulwurf zu bekommen. Denn wenn sie diesen lebendig in der Hand oder nur zwischen dem Daumen und den anderen Fingern absterben lassen, dann ist’s mit dem Wurm aus! Und wenn dann genug gesalbt und geschmiert, geschwätzt und gelogen und sympathisiert und der Finger nach mehreren Wochen, nach unsäglichen Schmerzen reif geworden ist und aufbricht und der Eiter dicht und fest herausdringt, dann heißt’s: „Seht, der Wurm ist getötet, der Wurm geht ab.“ Weiter kann man es in der Torheit und Selbstverblendung nicht treiben.
Was ist denn so ein Wurm am Finger? Nichts anderes als ein größeres Geschwür, das nach obiger Methode zu behandeln ist. Meistens bekommen solche Leute diesen Wurm, die recht viele ungesunde Stoffe im Körper haben. Deshalb muß, wie auf Finger und Haut, so auch auf den ganzen Körper eingewirkt werden. Auf erstere geschieht die Einwirkung durch die Hand- und Armwickel. Den Finger umwinde man zwei- bis drei- bis vierfach am besten mit Absud von Zinnkraut, um das Angefressenwerden des Beinchens zu verhindern, Hand und Arme zweifach (statt einfachen Wassers ist gut Absud von Heublumen oder Kraut), und man erneuere das Eintauchen des Wickels, sobald die Hitze oder die Schmerzen sich mehren. Auf den ganzen Körper wirke man durch ein bis zwei kurze Wickel oder den spanischen Mantel, täglich je einen von einer Stunde Dauer. Nach der ersten Woche geschehen die Wickelungen nur jeden zweiten oder dritten Tag. Mit Ober- und Untergüssen sei man vorsichtig und wende sie erst später, wenn genügend aufgelöst und abgeleitet ist, zur Kräftigung an. Sobald der Finger „reif“ ist, d. i. sich bläulich färbt, und an einer Seite weich wird, dann soll man mit dem Öffnen und Ausdrücken nicht zögern und sich nicht fürchten, wenn mit dem Eiter Blut kommt. Dieses Blut müßte ja doch noch vereitern, und so ist’s gut, wenn ihm dieser Prozeß erspart und dem Finger die Sache erleichtert wird. Das Bangen vor dem zu frühen Öffnen eines Geschwüres ist bei Wasseranwendungen ziemlich überflüssig (große Reinlichkeit), bei Salbereien wohl begründet.
Die Heilung des Wurmes kann noch in folgender Weise geschehen. Bei mir war dieses oft das kürzere Verfahren. Man bade Finger und Vorderarm täglich zwei- bis dreimal in einem warmen (ja nicht heißen) Heublumenbad von einer halben Stunde Dauer. Die Finger-, Arm- und Körperwickel bleiben dieselben wie oben.
Andreas, einem Gärtner, war der Daumen der rechten Hand entsetzlich zugerichtet. Furchtbar angeschwollen zeigte der ganze Finger keine Haut mehr; er war rein wie eine abgestandene, mit Eiter überzogene Fleischmasse. Das Bein blinkte an mehreren Stellen durch. Der Arzt hatte schon erklärt, es müsse die Hand, um das Leben zu retten, abgenommen werden. Ich schaute mir die Hand an und dachte: „Gott, könnte ich dem armen Mann die Hand retten!“ Dann legte ich mir den Fall also zurecht: Das sichtbare Bein (das war die Hauptsache) sieht recht frisch aus, es ist also noch nicht angegriffen. Der schrecklich angeschwollene, ekelhafte Daumen ist wie eine Jauchengrube, in welche der Körper seine nichtsnutzigen Säfte ausschüttet. Diese scharfen Stoffe mehren die Geschwulst, zerfressen das Fleisch und vergiften alles, was sie angreifen. Somit muß ich einwirken auf den halbabgefaulten Daumen, noch kräftiger aber auf den Körper, daß er aufhöre, sein eigenes Glied zu morden. Der Überlegung folgte das Handeln.