Mit dem Gefühle der Kraftsteigerung wächst das Verlangen nach der Wasseranwendung und das Vertrauen zu derselben. Man staunt nur mehr über die wasserscheuen, empfindsamen Mitmenschen, die wohl Gesicht und Hände waschen, aber einen Höllenlärm anschlagen, wenn aufs Wasser die Rede kommt. Habeant sibi! Sie mögen es selbst büßen.

Bei unserm Herrn kam die Stimme wieder, wie sie besser nie gewesen. Das alte Übel kehrte nie wieder. Seit der Heilung sind heute mehr als 16 Jahre verstrichen.

Ein Studienrektor in den schönsten Jahren konnte drei Vierteljahre seinem Berufe als Lehrer nicht mehr vorstehen; es fehlte ihm die Stimme. Er suchte bei den nächsten Ärzten Hilfe; dann wandte er sich an namhafte Spezialärzte. Nach wochenlangem Inhalieren, Elektrisieren usw. wurde ihm erklärt, die Stimmbänder hätten ihre Elastizität gänzlich verloren. Und weil alle Einwirkung umsonst gewesen, so könne man vorläufig nichts tun als abwarten, wie sich die Sache weiter gestalte; er solle wenigstens ein Jahr frei von aller Tätigkeit sein und sein Sprachorgan ruhen lassen. Dieses war dem Herrn zu arg, und er nahm die Zuflucht zur Wasserkur. In sechs Tagen hatte er seine Stimme wieder, in sechs Wochen war sie so klangvoll und stark wie in den besten früheren Zeiten. Dieses geschah vor 4½ Jahren, und der Herr darf keine Sorge haben; seine Stimme wird ihm bleiben. — Die Antwort auf die Frage: „Was hat da gefehlt?“ will ich nicht schuldig bleiben. Das Aussehen des Patienten war wohl etwas welk, aber im ganzen nicht krankhaft. Eines hätte etwas auffallend sein können, daß nämlich der sonst gut gewachsene Herr den Kopf etwas vorwärts geneigt hielt. Er hatte den besten Appetit, besaß die volle Naturkraft; einzig und allein die Stimmbänder sollten von der Mutter Natur so stiefmütterlich behandelt worden sein, daß sie jetzt so elendiglich verkümmerten und alle Elastizität verloren? Das ist nicht denkbar. Meine Behauptung, es fehle den Sprachorganen gar nichts, verletzte den Herrn nicht wenig, und meine Praxis, nach welcher ich kein einziges Mal in seinen Hals schaute, in dem allein doch er sein Hauptgebrechen vermutete, brachte ihn fast außer Fassung und wollte ihm alles Vertrauen rauben. Ich dagegen wollte dem Herrn beweisen, daß dem Halse gar nichts fehle, daß deshalb auch kein Mittel für den Hals anzuwenden sei, wie auch faktisch keines angewendet wurde. Wo lag die Wurzel des Übels? Auf der oberen Seite der Schulterblätter, quer über dem oberen Rücken, zu beiden Seiten des siebenten Halswirbels hatte der Herr ganz kleine Erhöhungen wie kleine Pölsterlein. Wer aber nicht gesucht hätte, hätte sie auch nicht gefunden. Sie drangen etwas einwärts und drückten so auf die Sprachorgane. Der noch junge Mann wurde kräftig begossen; er bekam den Schal, Halbbäder und den spanischen Mantel. Zuletzt reichten Halbbäder mit Waschungen des Oberkörpers aus. Die Scheu vor Wasser verwandelte sich später in ein fast zur zweiten Natur gewordenes Bedürfnis nach Wasser. Keine Woche verging mehr ohne einige Anwendungen, die frisch und wohl erhielten. Wie oft kann ich die Bekräftigung hören: Jetzt weiß ich selber, daß die Anwendungen mir gut tun; ich werde sie im Leben nie mehr aufgeben.

Gräfin N., 15 Jahre alt, erzählt: „Ich hatte vor zwei Jahren Diphtheritis, wie der Arzt sagte, im höchsten Grade. Auf diese Krankheit bekam ich Kopfleiden zum Verzweifeln. Nach einigen Wochen verlor ich nach einem heißen Bade die Stimme, so daß ich keinen Laut mehr geben konnte und jede Mitteilung durch Aufschreiben machen mußte. Meine Eltern suchten mir die ersten Ärzte. Ich mußte Monate hindurch inhalieren, verschiedene mineralische Stoffe einnehmen; ich wurde elektrisiert, mehrere Wochen hindurch alle Tage; mir wurden Blutegel an den Hals gesetzt, daß ich öfters in Ohnmacht fiel. Am Halse herum wurde schrecklich operiert. Mit Grausen denke ich an die Einzelheiten. Was ich alles eingenommen, will ich nicht schildern. So ging es fort über zwei Jahre, und schließlich erklärten einige Ärzte, ich werde an Schwindsucht sterben. Darin kamen alle überein, die Stimme könne und werde ich nie und nimmer erhalten. Wie ich fühle und was ich leide? Ich habe das ganze Jahr nicht eine Stunde warme Füße, eiskalt sind meine Hände, eiskalt mein Kopf. Ich weiß seit Monaten kein Mittel, weder im warmen Zimmer, noch mit wärmenden Kleidern, mich zu erwärmen. Ich mag nicht essen und kann nicht essen. Was ich genieße, peinigt mich; ich möchte oft verzweifeln. Ich bin erst 15 Jahre alt, kenne aber kein so unglückliches Geschöpf wie mich.“

Daß dieses arme Kind das kalte Wasser scheute, läßt sich denken. Auch die Eltern mochten nicht für das Wasser eintreten, wohl um das frostige Kind nicht auch noch damit zu quälen. Nur eine Seele nahm sich des bemitleidenswerten Geschöpfes an, und sie suchte Hilfe beim Wasser. Ich konnte ihr solche in Aussicht stellen — wenn auch nicht in nächster Zeit, bei maßvollem Gebrauche und pünktlicher Anwendung, und zugleich mit Sicherheit erklären, daß den Sprachorganen nicht das Mindeste fehle. Hier gelte es vor allem, den übermäßig geschwächten Körper, der nur mehr eine Ruine sei, neu zu beleben und zu kräftigen. Sobald die Normalkraft zurückkehrt, werde die Sprache nicht lange mehr auf sich warten lassen.

Das Mädchen ist im höchsten Grade blutarm; dieses beweist die Kälte am ganzen Körper; nur auf der Brust allein fühlte es noch eine gewisse Wärme. Es muß eingewickelt werden, daß Blutbildung und richtige Zirkulation eintritt. Die Kranke soll bei einfacher Kost täglich zwei- bis dreimal die Hände bis an die Ellenbogen, die Füße bis über die Knöchel ins Wasser halten oder, noch besser, im nassen Grase oder auf nassen Steinen barfuß gehen. So widersinnig es manchem scheinen mag, es sind dieses vortreffliche Mittel, wieder Wärme in die kalte, halbabgestorbene Natur, besonders in die blutarmen Extremitäten, die Hände und die Füße zu bringen. Geradeso muß am Körper Wärme erzeugt und neue Tätigkeit angebahnt werden. Es soll deshalb die Kranke täglich ein- bis zweimal Rücken, Brust und Unterleib kräftig mit kaltem Wasser waschen. Die ersten Versuche kosteten Überwindung; mit dem Erwachen der Wärme kam neuer Mut; es war gleichsam ein Frühlingswehen, das dem armseligen Körper nochmals ein Wiedererstehen ankündigte. Die Kranke tat einen Schritt weiter, sie rückte mit den Füßen tiefer ins Wasser und hielt die Arme längere Zeit in das nasse Element. Aus einer halben Minute wurde eine ganze. Diese Übungen währten zirka 9–10 Tage. Ihnen folgten gelinde Knie- und Obergüsse, je einer jeden zweiten oder vierten Tag, der eine vormittags, der andere nachmittags. Mit diesen Anwendungen wurde zirka 14 Tage fortgefahren. Dann kamen täglich ein Halbbad (bis an die Magengegend) eine Minute lang und ein Oberguß. Die Verteilung, welche Anwendung vormittags, welche nachmittags genommen wurde, blieb sich gleich. Bezüglich der Kost mußten leichtverdauliche, für Blut- und Säftebildung günstige Nährstoffe gewählt werden: einfache, unverfälschte, durch scharfe Gewürze usf. nicht verdorbene Hausmannskost. Das beste Getränk bildet Milch, wenig Bier; Hitziges sollte gar nicht genommen werden. Kraft und Stimme kamen bei unserer Patientin wieder. Um die Gesundheit und die Kräfte zu befestigen, sollen obige Übungen noch längere Zeit fortgesetzt werden. Sie können indessen nach und nach wegfallen, je nachdem die Kräfte langsamer oder schneller wiederkehren.

Ein Mädchen von 16 Jahren verlor ohne jede Veranlassung seine Stimme und konnte bei seiner Heiserkeit nur mit der größten Anstrengung sich verständlich machen. Es befragte Ärzte; diese verordneten Mittel, aber selbe wirkten nicht. Das Mädchen sah bei gutem Appetite blühend aus, der Kopf war voll und rund, der ganze kurze Hals ziemlich, fast zu stark gefüllt. Man merkte, daß das Atmen etwas schwer ging. Die Füße waren immer kalt. In sechs Wochen war das Mädchen vollständig geheilt. Durch welche Anwendungen? Die blühende Farbe, der volle und heiße Kopf, sowie die kalten Füße zeigten klar an, daß der Blutandrang allzu stark nach oben zielte. Daher die stärkere Ausbildung der oberen Körperteile, vielleicht auch Anstauungen von Blut. Bei der Heilung mußte allererst gesorgt werden, daß eine gleichmäßige Naturwärme im ganzen Körper eintrete, nicht am Kopfe Hitze herrsche und an den Füßen Kälte. Das Mädchen nahm täglich zwei- bis dreimal ein kaltes Fußbad, höchstens eine Minute lang, mit darauffolgender Bewegung im Freien. Dazu ging es recht fleißig barfuß in dem durch Tau oder Regen genäßten Grase oder auf nassen Steinen. Leiteten diese Anwendungen das Blut und damit die Wärme nach den unteren Extremitäten, so mußte durch neue Wassermittel alles Angestaute und Aufgedunsene am Kopf, Hals und Oberkörper aufgelöst und abgeleitet werden. Dazu taugt am besten und während der ersten Woche täglich ein spanischer Mantel, der in der zweiten und dritten Woche nur jeden zweiten oder dritten Tag, noch später jede Woche nur einmal appliziert wurde. Nach ca. vierzehn Tagen wurde zur Stärkung und Kräftigung wöchentlich ein Halbbad genommen, höchstens eine Minute lang dauernd, mit Waschung des Oberkörpers. Statt des Halbbades und der Waschung ließe sich mit gleichem Erfolge ein Ober- und Unterguß anwenden. Bildung der Wärme war somit der erste, Auflösung und Ausleitung aller überflüssigen Stoffe der zweite, Kräftigung der Natur der dritte Teil des Heilverfahrens. Der Körper nahm zu an Kraft, die Stimme wurde reiner und klangvoller, als sie früher gewesen, für den Gesang, worin das Mädchen sich in besonderer Weise übte, geradezu ausgezeichnet.

Typhus und seine Folgen.

Wie bei der Blatternkrankheit die Blattern, die Geschwüre nach außen dringen, so bilden sich beim Typhus Geschwüre nach innen. Je nach dem Sitze dieser Krankheit spricht man von Kopftyphus und von Unterleibstyphus. In manchen Erkrankungsfällen setzen sich zwar Geschwüre an; sie kommen aber nicht zur Entwicklung, wie es ja auch z. B. Blutgeschwüre gibt, welche eine zeitweilige Entzündung zeigen, dann aber wieder gänzlich verschwinden. Diese Art Typhus hat einen eigenen Namen, auf den bei Landleuten aber nicht viel ankommt. Ich lasse ihn deshalb weg.

Was die Heilung betrifft, so hat man vor allem ein Dreifaches zu merken: