Ein anderes Fräulein holte sich Rath bei mir betreffs ihres Berufes. Sie war schon einige Jahre in einem Institut gewesen, hatte sich in der Musik und Sprachenkenntniß ausgebildet, von Körperarbeit aber und Abhärtung wußte sie nichts. Ich sagte ihr, daß sie nothwendig körperliche Arbeiten verrichten müsse. Das Klosterleben sei ihr nicht zuträglich, weil sie im Kloster bloß für geistige Arbeit werde verwendet werden. Doch wer das Arbeiten und das Abhärten durch die Arbeit nicht schon in der Jugendzeit gelernt hat, wird später sich auch nicht leicht dazu entschließen. Und so ging es auch hier. Das Fräulein wählte ihren Beruf gemäß dem, was sie erlernt hatte, und starb in Folge dessen zweieinviertel Jahre später an der Schwindsucht.
Ich kannte eine Bauerntochter, die recht gesund, kräftig und arbeitsam war, dabei besondere Vorliebe fürs Klosterleben hatte und den Drang fühlte, in einen strengen Orden einzutreten, was auch geschah. Welche Umwandlung fand aber hier statt! Bisher hatte sie immer in der freien Natur gearbeitet und dadurch die Kräfte erhalten und vermehrt. Dazu hatte sie eine einfache, nahrhafte Landkost genossen. Nun kam sie auf einmal in ein Gebäude, wo wenig auf Lüftung gehalten wurde, wo sie wenig Bewegung hatte, und diese nur im Gebäude selbst, und keine Arbeit mehr zur Erhaltung der Kraft. Mußte eine solche Person nicht verkümmern? So geschah es auch, und zwar war sie schon im dritten Jahre voller Gebrechen, und Niemand wußte, was ihr fehlte. Im vierten Jahre endete sie ihr jugendliches Leben.
Drei Kandidatinnen hatten die Lehrkurse durchgemacht und fragten mich, was sie jetzt beginnen sollten; denn infolge der fortwährenden geistigen Anstrengung war die eine gebrechlicher als die andere. Ich gab ihnen den Rath, sie sollten, ehe sie in's Lehrfach eintreten würden, ein Jahr lang mit landwirthschaftlichen Arbeiten sich beschäftigen, damit durch gute Landluft und entsprechende körperliche Arbeit die Natur abgehärtet werde; so würden sie das, was sie an Körperkraft verloren, wieder gewinnen und später ihrem Berufe mit frischer, voller Gesundheit nachkommen können. Eine folgte meinem Rath, und sie erfreut sich eines sehr guten Rufes wegen ihrer vorzüglichen Leistungen; die zwei anderen starben, die eine im dritten, die andere im vierten Jahre nachher. Diese waren aber nicht schlimmer daran gewesen, als die erste.
Sehr häufig werden für die Mädchenschulen Lehrerinnen angestellt; dieß ist nur zu billigen. Aber es gehört recht viel dazu, daß eine solche Lehrerin allseitig genüge. Es fällt mir schwer, an dieser Stelle mich öffentlich auszusprechen über einen offenbaren Mißstand, und wenn ich nicht ein Freund der Wahrheit wäre und nicht Theil nähme an den traurigen Schicksalen, welche oft die Menschen treffen, würde ich kein Wort sagen. Doch es soll und muß gesagt sein. Es wird allzuviel für das Wissenschaftliche gethan, die Geisteskräfte werden zu viel angestrengt, und so lernen dann in fünf, sechs oder noch mehr Jahren die jungen Personen erstaunlich viele Dinge; aber wozu? Meistens können sie es gar nicht oder nur kurze Zeit verwenden, dann sind die Kräfte aufgezehrt. Bei dieser Vorbereitung werden gewöhnlich die Körperkräfte gar nicht geübt; der Körper darf bloß den Geist von der einen Stelle zur anderen tragen. Er wird nicht abgehärtet und gestärkt durch die Arbeit, und so bekommt der Geist eine baufällige Hütte, die bald zusammenbricht. Das Berufsleben ist infolge dessen meist bitter und von kurzer Dauer. Bei einer solchen Unterrichtsweise ist aber noch ein zweites Unglück dieses, daß die Ausbildung eine einseitige wird, und daß die also ausgebildeten Kandidatinnen des Lehramtes dann mit ihren Schülerinnen ebenso verfahren, wie mit ihnen verfahren worden ist.
Sollte man dem, was ich im Vorhergehenden gesagt habe, widersprechen und meinen, die angeführten Thatsachen hätten andere Gründe gehabt, so will ich meine Behauptung gern zurücknehmen, falls man mir beweist, daß ich mich geirrt habe. Ich will übrigens noch bemerken, daß die von mir gerathene Anwendung des Wassers zur Abhärtung des Körpers oder Heilung von Gebrechen, wie aus zahlreichen mir von solchen Anstalten zugekommenen Briefen deutlich hervorgeht, recht gute Erfolge gehabt hat. Deßhalb soll das Wasser gehörig benutzt werden zur Kräftigung und Erhaltung der Gesundheit. Freilich wird bei Manchen, die durch geistige Anstrengung geschwächt sind, keine Heilung möglich sein, wenn nicht körperliche Arbeiten verrichtet werden. Es soll deßhalb in jedem Kloster sowohl zur Anwendung des Wassers, wie zur Verrichtung körperlicher Arbeiten Gelegenheit geboten werden, wenn dem Körper die volle Gesundheit gebracht und erhalten werden soll.
Wie in den Frauen-Klöstern, so muß auch und noch mehr in den Männer-Klöstern darauf geachtet werden, daß die Lebensweise eine richtige sei. Ist hier die Wissenschaft meist Hauptgegenstand der Beschäftigung, so soll man darüber doch nicht die Sorge für den Leib vergessen. Der Körper ist ja Wohnung und Werkzeug des Geistes, mit dem der Gelehrte hauptsächlich arbeiten muß. Was hilft zudem alles Wissen, wenn der Körper zu Grunde gerichtet ist? Darum möge man auch ernstlich darauf halten, daß dem Körper die nöthige Zeit zum Schlafe gegönnt werde. Hat doch der Schöpfer durch den Wechsel von Tag und Nacht die Zeit bestimmt zur Arbeit und zur Ruhe. Wenn man sich die nöthige Nachtruhe entzieht, handelt man gewiß weder vernünftig, noch zu seinem Vortheile.
Ich kannte einen jungen Herrn, der so eifrig und fleißig studierte, daß er in jeder Nacht bis 11, ja 12 Uhr und noch länger mit den Büchern beschäftigt war. Aber wie lange trieb er es? Nach drei Jahren hatte er so viel Kopfleiden, so häufige und starke Kongestionen, daß er mit 28 Jahren zu jedem Berufe und zu jeder Arbeit unfähig war. Hat er recht gethan? Was hatte er gewonnen? Täglichen Jammer und tägliches Leiden und eine trostlose Zukunft.
Ich kenne einen anderen Herrn, der Abends um 8 Uhr eine Tasse schwarzen Kaffee trank, damit er seine Studien recht lange in der Nacht fortsetzen konnte, ohne vom Schlaf belästigt zu werden. Einige Jährchen ging es recht gut, weil er eine vorzügliche Gesundheit hatte; aber auf einmal brach die ganze Naturkraft zusammen, und der Unglückliche wurde unfähig für jedes Berufsleben. Geist und Körper waren zerrüttet. Es sei also für die, welche sich mit der Wissenschaft abgeben, eine Hauptsorge, ihrem Körper die nöthige Zeit zum Schlafe nicht zu entziehen. Ich bin überzeugt, wer über 9 Uhr am Abend arbeitet, der arbeitet zu seinem Nachtheil. Für das Gedeihen des Körpers und des Geistes sind die Ruhestunden vor Mitternacht entschieden viel werthvoller als die Zeit nach Mitternacht. Nicht minder fehlen die vorwiegend mit geistiger Arbeit Beschäftigten, wenn sie die Körperkräfte gar nicht durch körperliche Thätigkeit üben. Nehme man einen starken Bauernknecht und setze ihn ein Vierteljahr an einen Schreibtisch hin und beschäftige ihn ausschließlich mit geistiger Arbeit. Schicke man ihn dann wieder an seine frühere Arbeit, und es wird sich zeigen, daß er drei Viertel seiner Kraft verloren hat. Wird es einem Studierenden nicht ähnlich gehen, wenn er sich aller körperlichen Anstrengung enthält? Bei beständigem und ausschließlichem Studieren wird der Körper einer Maschine gleich, die verrostet und verdirbt, weil sie zu wenig gebraucht wird. Mancher wird wohl sagen: Ich mache täglich meinen Spaziergang, um meinen Körper bei Kräften zu erhalten. – Ich erwidere hierauf: Das reicht nicht aus. Der Spaziergang bietet dem Auge Manches zum Sehen, man athmet dabei eine bessere Luft ein, und die Beine werden angestrengt; der größere Theil der Organe aber ruht während des Spazierganges. (Das Weitere über diesen Punkt bietet das Kapitel über die Bewegung.)
Ich kannte einen Herrn, der viel studierte und nicht viel spazieren ging; aber jeden Tag spaltete er zweimal eine halbe Stunde Holz oder grub in seinem Garten; er versicherte mir, er verdanke diesem Mittel seine anhaltend gute Gesundheit und seine allzeit frische Geisteskraft.
Wenn mancher Leser vielleicht meint, es sei das Gesagte etwas übertrieben, er fühle sich geistig und körperlich gesund und kräftig, trotzdem er nicht körperlich, aber viel geistig arbeite, so antworte ich ihm: Halte nur eine kleine Rundschau, und du wirst bald Beispiele in Menge finden, die meine Worte bestätigen. Gar Viele beklagen jetzt die Unvorsichtigkeit, mit der sie hierin gehandelt haben, ebenso sehr, wie ihr dadurch entstandenes Elend. Deßhalb sage ich zum Schlusse noch einmal: Es soll in jedem Kloster eine Stätte sein, wo zu körperlichen Arbeiten Gelegenheit geboten ist. Ebenso soll aber auch die Möglichkeit gegeben sein, die erschöpfte Natur durch Anwendung des Wassers aufzufrischen, zu kräftigen und abzuhärten.