Bei diesen Worten lachten alle Gäste Ranieros. Raniero war sehr zornig, aber er zwang sich, gleichfalls zu lachen. Er wußte, daß alle es lächerlich gefunden hätten, wenn er nicht ein bißchen Spaß vertragen hätte.
„Aber unser Herr widersprach dem heiligen Petrus,“ sagte der Narr. „‚Siehst du nicht, wie ängstlich er um das Licht besorgt ist?‘ fragte er. ‚Er hält die Hand vor die Flamme, sobald jemand das Zelttuch lüftet, aus Furcht, daß die Zugluft es ausblasen könnte. Und er hat vollauf damit zu tun, die Nachtschmetterlinge zu verscheuchen, die herumfliegen und es zu verlöschen drohen.‘“
Es wurde immer herzlicher gelacht, denn was der Narr sagte, war die reine Wahrheit. Raniero fiel es immer schwerer, sich zu beherrschen. Es war ihm, als könne er es nicht ertragen, daß jemand mit der heiligen Lichtflamme seinen Scherz trieb.
„Der heilige Petrus war jedoch mißtrauisch,“ fuhr der Narr fort. „Er fragte unseren Herrn, ob er diesen Ritter kenne. ‚Er ist nicht gerade einer, der häufig zur Messe ginge oder den Betschemel abnützte,‘ sagte er. Aber unser Herr ließ sich von seiner Meinung nicht abbringen. ‚Sankt Petrus, Sankt Petrus!‘ sagte er feierlich. ‚Merke dir, daß der Ritter hier fortan frommer werden wird als Gottfried! Von wo gehen Milde und Frömmigkeit aus, wenn nicht von meinem Grabe? Du wirst Raniero di Ranieri Witwen und notleidenden Gefangnen zu Hilfe kommen sehen. Du wirst sehen, wie er Kranke und Betrübte in seine Hut nimmt, so wie er jetzt die heilige Lichtflamme hütet.‘“
Darüber erhob sich ein ungeheures Gelächter. Es däuchte alle, die Ranieros Laune und Leben kannten, sehr spaßhaft. Aber ihm selbst waren der Scherz und das Gelächter ganz unleidlich. Er sprang auf und wollte den Narren zurechtweisen. Dabei stieß er so heftig an den Tisch, der nichts andres war als eine auf lose Böcke gelegte Tür, daß er wackelte und das Licht umfiel. Es zeigte sich nun, wie sehr es Raniero am Herzen lag, das Licht brennend zu erhalten. Er dämpfte seinen Groll und nahm sich Zeit, das Licht aufzuheben und die Flamme anzufachen, bevor er sich auf den Narren stürzte. Aber als er mit dem Lichte fertig war, war der Narr schon aus dem Zelte geeilt, und Raniero sah ein, daß es nicht der Mühe lohne, ihn im nächtlichen Dunkel zu verfolgen. Ich treffe ihn wohl noch ein andermal, dachte er und setzte sich wieder.
Die Tischgäste hatten inzwischen weidlich gelacht, und einer von ihnen wollte den Spaß fortsetzen und wendete sich an Raniero. „Eins steht aber fest, Raniero, und das ist, daß du diesmal der Madonna in Florenz nicht das Kostbarste schicken kannst, was du im Kampfe errungen hast,“ sagte er.
Raniero fragte, warum er glaube, daß er diesmal seinem alten Brauche nicht treu bleiben würde.
„Aus keinem anderen Grunde,“ sagte der Ritter, „als weil das Kostbarste, was du errungen hast, diese Lichtflamme ist, die du angesichts des ganzen Heeres in der heiligen Grabeskirche entzünden durftest. Und die nach Florenz zu schicken, wirst du wohl nicht imstande sein.“
Wieder lachten die anderen Ritter, aber Raniero war jetzt in einer Laune, daß er das Verwegenste unternommen hätte, nur um ihrem Gelächter ein Ende zu machen. Er faßte rasch seinen Entschluß, rief einen alten Waffenträger zu sich und sagte zu ihm: „Mache dich zu langer Fahrt bereit, Giovanni! Morgen sollst du mit dieser heiligen Lichtflamme nach Florenz ziehen.“
Aber der Waffenträger weigerte sich schlankweg, diesen Befehl auszuführen. „Dies ist etwas, was ich nicht auf mich nehmen will,“ sagte er. „Wie sollte es möglich sein, mit einer Lichtflamme nach Florenz zu reiten? Sie würde erlöschen, ehe ich noch das Lager verlasse.“