„Sie gingen die ganze Nacht über das weite Sandfeld, und auf ihrer Wanderung sprachen sie von dem jungen neugeborenen Könige, den sie in einer Wiege aus Gold schlafend finden würden, mit Edelsteinen spielend. Sie kürzten die Stunden der Nacht, indem sie davon sprachen, wie sie vor seinen Vater, den König, und seine Mutter, die Königin, treten würden und ihnen sagen, daß der Himmel ihrem Sohne Macht und Stärke, Schönheit und Glück verheiße, größer als Salomos Glück.

„Sie brüsteten sich damit, daß Gott sie erkoren hatte, den Stern zu sehen. Sie sagten sich, daß die Eltern des Neugeborenen sie nicht mit weniger als zwanzig Beuteln Gold entlohnen könnten, vielleicht würden sie ihnen sogar so viel geben, daß sie niemals mehr die Qualen der Armut zu fühlen brauchten.

„Ich lag wie ein Löwe in der Wüste auf der Lauer,“ fuhr die Dürre fort, „um mich mit allen Qualen des Durstes auf diese Wandrer zu stürzen; aber sie entkamen mir, die ganze Nacht führte der Stern sie, und am Morgen, als der Himmel sich erhellte und die andern Sterne verblichen, blieb dieser beharrlich und leuchtete über der Wüste, bis er sie zu einer Oase geführt hatte, wo sie eine Quelle und Dattelbäume fanden. Da ruhten sie den ganzen Tag, und erst mit sinkender Nacht, als sie den Sternenstrahl wieder den Wüstensand umranden sahen, gingen sie weiter.

„Nach Menschenweise, zu sehen,“ fuhr die Dürre fort, „war es eine schöne Wanderung. Der Stern geleitete sie, daß sie weder zu hungern noch zu dürsten brauchten. Er führte sie an den scharfen Disteln vorbei, er vermied den tiefen, losen Flugsand, sie entgingen dem grellen Sonnenschein und den heißen Wüstenstürmen. Die drei Weisen sagten beständig zueinander: ‚Gott schützt uns und segnet unsere Wanderung. Wir sind seine Sendboten.‘

„Aber so allmählich gewann ich doch Macht über sie,“ erzählte die Dürre weiter, „und in einigen Tagen waren die Herzen dieser Sternenwanderer in eine Wüste verwandelt, ebenso trocken wie die, durch die sie wanderten. Sie waren mit unfruchtbarem Stolz und versengender Gier erfüllt.

„‚Wir sind Gottes Sendboten,‘ wiederholten die drei Weisen, ‚der Vater des neugeborenen Königs belohnt uns nicht zu hoch, wenn er uns eine mit Gold beladene Karawane schenkt.‘

„Endlich führte der Stern sie über den vielberühmten Jordanfluß und hinauf zu den Hügeln des Landes Juda. Und eines Nachts blieb er über der kleinen Stadt Bethlehem stehen, die unter grünen Olivenbäumen auf einem felsigen Hügel hervorschimmert.

„Die drei Weisen sahen sich nach Schlössern und befestigten Türmen und Mauern und allem dem andern um, was zu einer Königsstadt gehört, aber davon sahen sie nichts. Und was noch schlimmer war, das Sternenlicht leitete sie nicht einmal in die Stadt hinein, sondern blieb bei einer Grotte am Wegsaum stehen. Da glitt das milde Licht durch die Öffnung hinein und zeigte den drei Wanderern ein kleines Kind, das im Schoße seiner Mutter lag und in Schlaf gesungen wurde.

„Aber ob auch die drei Weisen nun sahen, daß das Licht gleich einer Krone das Haupt des Kindes umschloß, blieben sie vor der Grotte stehen. Sie traten nicht ein, um dem Kleinen Ruhm und Königreiche zu prophezeien. Sie wendeten sich, und ohne ihre Gegenwart zu verraten, flohen sie vor dem Kinde und gingen wieder den Hügel hinan.

„‚Sind wir zu Bettlern ausgezogen, die ebenso arm und gering sind, wie wir selber?‘ sagten sie. ‚Hat Gott uns hierher geführt, damit wir unseren Scherz treiben und dem Sohn eines Schafhirten alle Ehren weissagen? Dieses Kind wird nie etwas andres erreichen, als hier im Tale seine Herden zu hüten.‘“