Als sie die Frage wiederholte, sprang der Mann auf und steckte beide Zeigefinger in die Ohren.

„Wehe dir, daß du mich nicht in Frieden sterben lassen kannst,“ rief er. Er bahnte sich einen Weg durch das Volk, das sich vor dem Tore drängte, und stürzte, vor Entsetzen brüllend, von dannen, während seine zerfetzten Kleider ihn gleich dunkeln Flügeln umflatterten.

„Es will mich bedünken, daß wir zu einem Volke von Narren gekommen sind,“ sagte Faustina, als sie den Mann fliehen sah. Sie war durch den Anblick der Schüler des Propheten ganz niedergeschlagen. Konnte ein Mann, der solche Tollhäusler zu seinen Begleitern zählte, imstande sein, etwas für den Kaiser zu tun?

Auch die israelitische Frau schaute betrübt drein, und sie sprach mit großem Ernste zu Faustina: „Herrscherin, zögere nicht, den aufzusuchen, den du finden willst. Ich fürchte, es ist ihm etwas Böses zugestoßen, da seine Jünger so von Sinnen sind und es nicht ertragen, von ihm reden zu hören.“

Faustina und ihr Gefolge ritten endlich durch die Torwölbung und kamen in enge, dunkle Gassen, die von Menschen wimmelten. Es erschien beinahe unmöglich, durch die Stadt zu kommen. Einmal ums andere mußten die Reiter Halt machen. Vergebens suchten Sklaven und Kriegsknechte einen Weg zu bahnen. Die Menschen hörten nicht auf, sich in einem dichten und unaufhaltsamen Strome vorbeizuwälzen.

„Wahrlich,“ sagte die alte Frau zu Sulpicius, „Roms Straßen sind stille Lustgärten im Vergleiche zu diesen Gassen.“

Sulpicius sah bald, daß fast unübersteigliche Schwierigkeiten ihrer harrten.

„In diesen überfüllten Gassen ist es beinahe leichter zu gehen als zu reiten,“ sagte er. „Wenn du nicht allzu müde bist, würde ich dir raten, zu Fuße zum Palaste des Landpflegers zu gehen. Er liegt freilich weit weg, aber wenn wir hin reiten wollen, kommen wir sicherlich nicht vor Mitternacht ans Ziel.“

Faustina ging sogleich auf den Vorschlag ein. Sie stieg vom Pferde und überließ es der Obhut eines Sklaven. Dann begannen die reisenden Römer die Stadt zu Fuß zu durchwandern.