Und nun hat der Dragoman den Wahrsager aufgesucht und ihn in das Hotel gebracht, damit ich mir wirklich in Jerusalem prophezeien lassen könne.
Es ist nicht so feierlich, sich in der Vorhalle des Hotels wahrsagen zu lassen, wo Diener und Reisende hinaus- und hereinströmen, als es in El Aksa gewesen wäre; aber ich habe keine Wahl. Wir gehen alle drei zu einem Tisch, der in einer Ecke steht. Der Wahrsager zieht einen Beutel hervor, den er unter seinen Tüchern verborgen gehalten hat, knüpft ihn auf und schüttet eine ziemlich dicke Lage grauweißen Sand auf den Tisch, zweifelsohne eine Art Meersand, denn ich sehe, daß eine Menge zerbrochne Muscheln darin sind.
Während ich so stehe und die Vorbereitungen betrachte, muß ich unwillkürlich an die alte Tante Wennervik und ihre Wahrsagekunst denken; und ich bin gespannt, ob dieser schmutzige Neger sich ihr überlegen zeigen werde.
Sowie der Sand ausgebreitet ist, sagt der Wahrsager ein paar Worte auf Arabisch, die der Dragoman ins Englische übersetzt.
»Er bittet die Lady, an etwas zu denken, worüber sie Aufklärung wünscht. Die Lady soll nicht sagen, woran sie denkt, sondern es nur eine Zeitlang in Gedanken festhalten, dann wird sie Antwort bekommen.«
Einen Augenblick stehe ich verdutzt da. Liegt nicht eine unüberbrückbare Kluft zwischen mir und diesem Negerwahrsager? Wir haben in verschiednen Welten gelebt, sind auf verschiednen Pfaden gewandelt. Was sollte ich denken können, das innerhalb seiner Gedankensphäre läge! Während meines ganzen Aufenthalts in Jerusalem habe ich nur an eine einzige Sache gedacht. Ich habe die ganze Reise hierher in das Morgenland einzig und allein unternommen, um schwedische Bauern zu besuchen, die hierher ausgewandert sind und gemeinsam mit einigen Amerikanern eine Kolonie gegründet haben. Ich habe sie hier draußen sehen wollen, um ein Buch über sie zu schreiben.
Und ich bin mehrere Male bei ihnen gewesen, habe an ihrem Tisch gegessen, ihre Schulen besucht, sie in ihren Werkstätten und Küchen arbeiten sehen, ich bin in ihren selbstverfertigten Wagen gefahren, bin auf Teppichen gegangen und habe auf Stühlen gesessen, die sie selbst gemacht haben. Ich habe sie von ihrer Lehre sprechen hören. Ich habe nichts an ihnen gefunden, was nicht gut, ehrlich und aufrichtig gewesen wäre.
Ich war so froh, als ich hier draußen im Morgenlande ihre guten, schwedischen Gesichter erblickte und ihre treuherzigen, schwedischen Worte hörte, daß mir die Tränen in die Augen traten. Ich habe ihrem schönen Gottesdienste beigewohnt, ich habe sie ihre Abschiedslieder an uns, ihre schwedischen Gäste, singen hören. Ich habe sie einig, glücklich, geduldig gefunden, und ich brenne vor Sehnsucht, ein Buch über sie zu schreiben.
Aber zugleich läßt mich vieles befürchten, daß ich nie imstande sein würde, dieses Buch zu schreiben. Jeden Tag kommen mir neue Zweifel und Besorgnisse. Nicht nur, daß der Stoff für meine Kräfte zu schwer ist, — noch eine Menge andre Dinge machen mir Angst. Ich gehe in einem Zweifel, einer Unentschlossenheit umher, die beinahe qualvoll geworden ist.
Es handelt sich für mich um etwas Ernstes. Diese ganze lange Reise wäre vergebens gewesen, wenn ich dieses Buch nicht schreiben könnte. Zeit, Mühe und Geld nutzlos vergeudet ... Das ist kein Spaß.