Die kommt, ist eine Verwandte und Kollegin von mir. Sie will auch heuer in das Seminar eintreten; so wie ich; und wir sind bei der Prüfung in derselben Gruppe gewesen.

Sie kommt ganz glücklich und atemlos, um zu berichten, daß wir alle beide durchgekommen sind, sie und ich. Sie hat es von wohlunterrichteter Seite. Sie will nicht sagen, woher sie es weiß, aber sicher sei es. Ich solle es niemand sagen, — sie sei eben nur geschwind heraufgelaufen, damit ich mich nicht länger beunruhigte.

Ich weiß nicht, was ich sage oder tue. Ich weiß nicht, ob ich ihr danke. Ich stürze nur fort, ans äußerste Ende der Wohnung, um allein zu sein.

Es ist nun ganz vorbei mit meiner Selbstbeherrschung. Ich zittre und bebe und kann mich nicht stillhalten. Und die Tränen stürzen mir aus den Augen.

Ich fühle, daß ich das Ärgste überwunden habe. Ich bin nicht mehr hilflos und abhängig. Ich habe eine Laufbahn vor mir. Ich werde imstande sein, mir selbst mein Brot zu verdienen. Ich werde selbst über mein Tun und Lassen bestimmen. Künftighin hängt es von mir allein ab, ob ich das erreichen werde, was ich erreichen will.

»Sie wird all ihr Lebtag arbeiten und sich plagen müssen,« hatte Tante Wennervik gesagt, und ich freue mich darüber und hoffe, daß es eintreffe.

Die zweite Prophezeiung

Es ist im Grand Hotel in Jerusalem, an einem Märzabend des Jahres neunzehnhundert. Ich bin von unserm syrischen Dragoman aus meinem Zimmer gerufen worden, einen Gast zu empfangen. Aber dieser Gast kann nicht in mein Zimmer geführt werden, auch nicht in den großen Empfangssalon. Jemil, der Dragoman, glaubt ihn nicht weiter führen zu dürfen als bis in die Vorhalle des Hotels; und ich muß mich dorthin begeben, ihn zu begrüßen.

Das ist auch nicht zu verwundern, denn mein Gast hat kein einnehmendes Aussehen. Es ist ein alter Neger von einer furchtbar häßlichen Rasse. Mit seinen wulstigen Lippen, den langen Affenarmen, seinem großen plumpen Körper, seiner groben, rindenähnlichen Haut, seinen starken, angeschwollnen Muskeln macht er den Eindruck, als gehöre er jener Menschenwelt an, die vor der Sintflut da war. Und dieser abstoßende Mensch ist nicht in etwas gehüllt, was man Kleider nennen könnte. Er ist in lange, schmutzigweiße Tücher gerollt und gewickelt. Die Füße sind nackt, und über den Kopf hängt ihm ein Zipfel desselben Tuches, das um den Körper geschlungen ist.

Vor einigen Tagen hat Jemil mich und meine Reisegenossin, Frau Sophie Elkan, durch die ehrwürdige alte Moschee El Aksa in Jerusalem geführt, und wir wunderten uns damals, in der Fensternische eines Seitenganges eine schmutzige, zerfetzte Decke ausgebreitet zu sehen. Jemil erklärte uns, daß sich in dieser Fensternische ein Wahrsager aufzuhalten pflege, der den Besuchern Aufklärungen über ihre künftigen Schicksale gebe. Ich bedauerte, daß er nicht auf seinem Platze war. Ich hätte mir gerne von einem richtigen Wahrsager prophezeien lassen, in einem Tempel, der auf demselben Grund errichtet war wie der Salomos.