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Unterdessen hatten sie unten auf dem alten Ingmarshof nicht viel Weihnachtsfreude gehabt. Den ganzen heiligen Abend hatten sie Ingmar Ingmarson gesucht.
Zuerst waren sie im ganzen Wohnhaus und in allen Wirtschaftsgebäuden umhergegangen. Sie hatten vom Boden bis zum Keller gesucht, dann waren sie in die Nachbarhöfe gegangen und hatten dort nach Ingmar Ingmarson gefragt.
Als sie ihn nirgends fanden, hatten Söhne und Schwiegersöhne sich auf die Felder und Äcker hinaus begeben. Die Fackeln, die den Kirchenwanderern auf dem Weg zur Weihnachtsmette hätten leuchten sollen, wurden nun angezündet und in dem rasenden Schneegestöber auf allen Wegen und Stegen umhergetragen. Aber der Wind hatte alle Spuren verweht, und sein Heulen übertönte den Laut der Stimmen, wenn sie zu rufen und zu schreien versuchten. Bis weit über Mitternacht waren sie draußen, aber endlich sahen sie ein, daß sie bis zum Tagesanbruch warten müßten, wenn sie den Verschwundenen finden wollten.
Kaum dämmerte das Morgenrot, so waren alle Leute im Ingmarshof wieder auf den Beinen, und die Männer standen im Hofe, bereit, in den Wald hinauszuziehen. Aber ehe sie sich noch aufgemacht hatten, kam die alte Hausmutter und rief sie in die Wohnstube. Sie hieß sie, sich auf die langen Bänke in der Stube setzen, und sie selbst setzte sich an den Weihnachtstisch, mit der Bibel vor sich, und begann zu lesen. Und als sie nach ihren schwachen Kräften gesucht hatte, was in einer solchen Stunde angemessen wäre, da hatte sie die Geschichte von dem Manne gefunden, der von Jerusalem gen Jericho ging und unter die Mörder fiel.
Sie las langsam und singend von dem armen Manne, dem der barmherzige Samariter zu Hilfe kam. Söhne und Schwiegersöhne, Töchter und Enkeltöchter saßen ringsumher auf den Bänken. Sie alle glichen ihr und einander: groß und schwerfällig, mit häßlichen, altklugen Gesichtern, denn alle waren sie von dem alten Stamm der Ingmarsöhne. Alle hatten sie rötliches Haar, eine sommersprossige Haut und lichtblaue Augen mit weißen Wimpern. Im übrigen konnten sie verschieden genug voneinander sein, aber alle hatten sie einen strengen Zug um den Mund, schläfrige Augen und ungelenke Bewegungen, als fiele ihnen alles schwer. Aber jedem von ihnen konnte man doch ansehen, daß sie zu den ersten in der Gegend gehörten und selbst wußten, daß sie vornehmer waren als die andern.
Alle Ingmarsöhne und Ingmartöchter seufzten bei dem Bibellesen tief. Sie fragten sich, ob wohl ein Samariter den Hausvater gefunden und sich seiner erbarmt hätte. Denn für alle Ingmarsöhne war es, als verlören sie etwas von ihrer eignen Seele, wenn jemand, der zum Stamme gehörte, von einem Unglück getroffen wurde.
Die alte Frau las und las und kam zu der Frage: »Welcher dünkt dich, der unter diesen dreien der nächste sei gewesen, dem, der unter die Mörder gefallen?«
Aber ehe sie noch die Antwort lesen konnte, ging die Tür auf, und der alte Ingmar trat in die Stube.
»Mutter, Vater ist da,« sagte eine der Töchter, und es wurde nicht mehr gelesen, daß des Mannes Nächster der gewesen war, der Barmherzigkeit an ihm getan hatte.