Die Frau fand, daß der Mann eigentlich ganz recht hätte. Sie brauchten sich doch nicht des Trollkindes anzunehmen. So ließ sie das Pferd ein paar Schritte machen. Aber sie war von weicher und warmherziger Gemütsart, und plötzlich war es ihr ganz unmöglich, weiterzureiten. »Nein, es ist ja doch ein Kind,« sagte sie. »Ich kann es nicht hier lassen, den Wölfen zum Fraße. Du mußt mir den Jungen reichen.« — »Das tu ich nicht,« sagte der Mann. »Er liegt ganz gut, wo er liegt.« — »Wenn du ihn mir nicht jetzt bringst, so muß ich heute abend wieder herkommen und ihn holen,« sagte die Frau. — »Mir scheint, es ist nicht genug, daß die Trolle mir meinen Knaben gestohlen haben,« sagte er, »sie haben auch noch meinem Weibe den Kopf verdreht.« Aber dabei hob er doch das Kind auf und reichte es der Frau, denn er hatte eine große Liebe zu ihr und war es gewohnt, ihr in allem zu Willen zu sein.
Am nächsten Tage war das Unglück im ganzen Kirchspiel bekannt, und alle, die alt und klug waren, eilten in die Hütte des Bauern, um gute Ratschläge zu geben. »Wer einen Wechselbalg im Hause hat, muß ihm jeden Tag mit einem derben Stecken Schläge geben,« sagte eine der Alten. »Warum soll man denn so übel mit ihm umgehen?« fragte die Bäuerin. »Freilich ist er häßlich, aber er hat doch nichts Böses getan.« — »Ja, wenn man das Junge schlägt, bis das Blut fließt, dann kommt schließlich die Trollin herangesaust, wirft einem das eigne Kind zu und nimmt ihres mit. Ich weiß viele, die es so gemacht haben, um ihr Kind wieder zu bekommen.« — »Aber diese Kinder sind dann nicht lange am Leben geblieben,« sagte eine der alten Frauen; und die Bäuerin dachte bei sich selbst, daß sie dieses Mittel nicht anwenden könnte. Das wäre ihr unmöglich gewesen.
Gegen Abend, als die Bäuerin mit dem Wechselbalg allein in der Stube war, begann sie sich auf einmal so heftig nach ihrem eignen Kinde zu sehnen, daß sie gar nicht wußte, wo aus noch ein. »Vielleicht sollte ich doch das versuchen, was sie mir geraten haben,« dachte sie, aber sie konnte sich doch nicht entschließen.
In demselben Augenblick kam der Mann mit einem Stock in der Hand in die Stube und fragte nach dem Wechselbalg. Da sah die Frau, daß der Mann den Rat der klugen Frauen befolgen und das Trollkind prügeln wollte, um sein eignes zurückzubekommen. »Es ist gut, daß er es tut,« dachte sie. »Ich bin zu dumm. Ich könnte nie ein unschuldiges Kind schlagen.«
Aber kaum hatte der Mann dem Trollkind einen Hieb versetzt, als die Frau herbeistürzte und ihn am Arm packte. »Nein, schlag nicht, schlag nicht!« bat sie. — »Du willst wohl dein eignes Kind nicht wieder haben?« sagte der Mann und versuchte sich loszumachen. — »Freilich will ich es wieder haben, aber nicht auf diese Art,« sagte die Frau. Der Mann erhob den Arm zu einem neuen Schlag, aber ehe er fiel, hatte sich die Frau auf das Kind geworfen, so daß der Hieb ihren Rücken traf. »Gott schütze mich,« sagte der Mann, »jetzt sehe ich, du willst dich so anstellen, daß unser Kind all sein Lebtag bei den Trollen bleiben muß.« Er blieb stehen und wartete, aber die Frau blieb vor ihm liegen und schützte das Kind. Da warf der Mann den Stock fort und ging unmutig aus der Stube. Er wunderte sich später, daß er seinen Vorsatz nicht seinem Weibe zum Trotz durchgeführt hatte, aber wenn sie da war, bezwang ihn irgend etwas: er konnte ihr nicht zuwiderhandeln.
Ein paar Tage vergingen in Schmerz und Trauer. Was die Bäuerin am meisten quälte und ihren Kummer verdoppelte, war, daß sie für dieses Trollkind zu sorgen hatte. Um seinetwillen hatte sie so bitter zu leiden, daß es ihr fast die Kraft nahm, ihr eignes Kind zu betrauern.
»Ich weiß rein nicht, was ich dem Wechselbalg zu essen geben soll,« sagte sie eines Morgens zu ihrem Mann. »Er will nichts kosten, was ich ihm vorsetze.« — »Das ist nicht zu verwundern,« sagte der Mann. »Du wirst doch schon gehört haben, daß die Trolle nichts anderes essen als Frösche und Mäuse.« — »Aber du kannst doch nicht verlangen, daß ich zum Froschsumpf gehe und ihm dort das Essen hole,« sagte die Frau. — »Nein, ich verlange nichts dergleichen,« antwortete der Bauer. »Ich finde, es wäre am besten, wenn er verhungern würde.«
Die ganze Woche verging, ohne daß die Bäuerin imstande war, das Trolljunge zu bewegen, irgend etwas zu sich zu nehmen. Es schrie nur, wie es da in seiner Wiege lag, und wurde so elend und mager, daß kaum noch etwas von ihm übrig blieb. Rings um ihn stellte die Bäuerin alles mögliche gute Essen auf, das sie nur bereiten konnte; aber der Wechselbalg fauchte und spuckte nur, wenn sie ihn überreden wollte, etwas von den Leckerbissen zu kosten.
Eines Abends, als das Trollkind so aussah, als sollte es Hungers sterben, kam die Katze mit einer Maus zwischen den Zähnen in die Stube gelaufen. Da riß die Bäuerin der Katze die Maus aus dem Rachen, warf sie dem Kind hin und verließ hastig die Stube, um nicht sehen zu müssen, wie das Trolljunge aß.
Aber als der Bauer merkte, daß die Frau wirklich anfing, Frösche und Spinnen für den Wechselbalg zu sammeln, da begann er einen solchen Abscheu vor ihr zu empfinden, daß er ihn kaum verbergen konnte. Er konnte sich nicht überwinden, ihr ein freundliches Wort zu sagen; und wäre nicht jene wunderliche Macht gewesen, die sie über ihn besaß, so hätte er sie sogleich verlassen.