Bei meinen Verwandten wohnt eine alte treue Dienerin, die dem Haushalt meines Onkels vorgestanden hat, bevor er sich verheiratete. Sie ist zu alt, um an irgendwelchen Arbeiten teilzunehmen; sie sitzt tagaus, tagein in einem schönen Lehnstuhl in ihrem eignen Zimmerchen und strickt und häkelt. Onkel ist sehr gut gegen sie. Er ist besorgt, daß ihr die Zeit zu einförmig werden könnte, und steckt ihr nicht selten eine Theaterkarte zu. Aber wenn die Alte ins Theater geht, darf ich mitkommen. Meine Verwandten haben schon entdeckt, welches ungeheure Vergnügen mir dies bereitet, und sie sind vielleicht auch ein klein wenig ängstlich, die Alte ganz allein fortzulassen. Meine Theaterbesuche kosten überdies nichts. Die alte Ursula sagt dem Theaterdiener nur ein gutes Wort, und ich darf mit hinein. Ich bekomme keinen Sitzplatz, sondern muß vor ihr stehen, aber das hat nichts zu bedeuten. Im Theater vergeht die Zeit so rasch, daß ich gar nicht müde werde, ehe alles schon vorbei ist.
Es gibt wohl noch heute Menschen, die sich an die ausgetretnen Stufen und die schmalen Gänge im alten Opernhaus erinnern. Und es gibt auch wohl noch den einen oder andern, der sich entsinnt, wie es in den Korridoren roch. Ich komme manchmal im Ausland in irgendein altes Schauspielhaus, wo derselbe Theatergeruch noch herrscht. Und wenn ich ihn spüre, dann werde ich von der Seligkeit der Erwartung erfüllt. Es kommt mir vor, als ob ich wieder als ein kleines Kind vor der Logentür stünde und darauf wartete, daß der Diener komme und aufschließe.
Ulla und ich, wir sitzen stets in der ersten Reihe der zweiten Galerie. Wir gehen übrigens nicht immer in die Oper, sondern wir gehen auch in das dramatische Theater, aber auch dort haben wir denselben Platz.
Auf diese Weise sehen wir »Die Afrikanerin«, »Robert den Teufel«, den »Freischütz«, »Die Värmländer«, »Die schöne Helena«, »Die Frauenschule«, »Die Blumen im Treibhaus«, »Meine Rose im Walde«. Das ist wieder eine neue bunte Welt, in die ich geführt werde. Es ist wirklich gut, daß ich am Nähtisch meiner Mutter gesessen und Nösselts Weltgeschichte gelesen habe. Wie hätte ich mich sonst zurechtfinden können!
Aber eigentlich ist sie nicht ganz neu. Es ist ja meine ganze Romanwelt, die so illustriert und mir in lebenden Bildern vorgeführt wird. So also sehen sie aus, meine edeln Wilden, meine geharnischten Ritter. So geht ein König gekleidet. So nimmt sich ein Klosterhof aus. In solchen langen, grauen Mänteln wandeln Mönche und Nonnen umher. Ich lerne sturmgepeitschte Meere, leuchtende Rittersäle und tropische Landschaften kennen. Und ich nehme natürlich alles blutig ernst. Ich verstehe nicht, daß die schöne Helena ein einziger großer Scherz ist. Ich glaube, daß es wirklich so zugegangen sei, als Helena von Paris geraubt wurde, obgleich Nösselt es zu erzählen vergessen hat.
Wir haben ganz denselben Geschmack, die Alte und ich. Wir lieben prächtige Dekorationen, prächtige Kostüme und große Szenen, wo es auf der Bühne von Menschen wimmelt. Und natürlich kümmern wir uns hauptsächlich um die Handlung. Vom Gesang und von der Musik verstehen wir nicht viel. Wir werden eher davon belästigt, weil es uns schwer fällt, die Worte zu hören, und weil wir den Zusammenhang verlieren.
Aus einfachen Stücken, in denen keine Könige und Ritter auftreten, machen wir uns nicht viel, obgleich ich für meinen Teil ein Volksstück wie »Die Värmländer« sehr gerne habe, weil es mich an die Heimat erinnert. Aber die alte Ulla ist unzufrieden, wenn sie nur Bauern auf der Bühne sieht. Sie kränkt mich tief durch die Bemerkung, daß die schöne Helena mit ihrer großen Königsschar doch etwas ganz andres sei. Ich fühle mich für meine Landsleute verletzt, aber im tiefsten Grunde bin ich eigentlich ihrer Meinung.
Inzwischen geht der Winter zu Ende, und ich darf nach Hause reisen. Und natürlich verfolgt mich die Erinnerung an alles, was ich gesehen habe, und ich erzähle es meinen Geschwistern wieder und wieder.
Eines Tages, als wir aus dem einen oder andern Anlaß keine Schularbeiten haben, fällt es uns ein, daß wir Theater spielen und eines der Stücke aufführen könnten, die ich in Stockholm gesehen habe. Wir entscheiden uns für »Meine Rose im Walde«. Nicht weil es das hübscheste ist, was ich gesehen habe, aber es ist das einfachste, das einzige, das wir uns darstellen zu können getrauen.
Es wird ein anstrengender Tag für mich. Ich bin es, die die Rollen einstudiert und die Auftretenden unterweist, was sie sagen und tun sollen. Wir haben kein Textbuch, sondern alles muß so gemacht werden, wie ich es in der Erinnerung habe. Ich verwandle mit Hilfe von Decken und Tüchern die Kinderstube in eine Bühne. Ich wähle die Kostüme aus, ich erkläre, wie die Mitwirkenden frisiert und geschminkt sein müssen. Ich bin ja die einzige, die einige Erfahrung in allen diesen Dingen hat.