Am achten März feiert der Amtmann Scharling seinen Geburtstag, und da wimmelt es von Gästen, die alle die Brobyer Hügel hinanziehen. Aus Osten und Westen kommen sie, Bekannte und Unbekannte, gebetene und ungebetene Gäste! Und alle sind sie willkommen. Da sind Speisen und Getränke genug für alle, und im Tanzsaal ist Platz für alle Tanzlustigen aus sieben Kirchensprengeln.
Die junge Gräfin kommt auch. Sie stellt sich überall ein, wo man Tanz und Lustbarkeit erwarten kann.
Aber sie ist nicht so fröhlich wie sonst, es ist, als habe sie eine Ahnung, daß jetzt die Reihe an sie kommt, von der wilden Jagd aus dem Märchen mit fortgerissen zu werden.
Sie hat unterwegs dagesessen und die untergehende Sonne betrachtet. Sie sank von einem Himmel herab, an dem sie keine Goldstreifen auf leichten Wolken hinterließ. Graubleiche Dämmerung mit jagenden, kalten Windstößen hing über der Gegend. Die junge Gräfin sah, wie Tag und Nacht miteinander kämpften und wie alles Lebende bei diesem Streit der Gewaltigen von Angst und Schrecken ergriffen wurde. Die Pferde jagten mit dem letzten Fuder dahin, um bald unter Dach zu kommen. Die Holzhauer eilten aus dem Walde heim, die Mädchen verließen die Wirtschaftsgebäude. Im Waldesdickicht heulten die wilden Tiere. Der Tag, der Menschen Lust und Freude, ward überwunden.
Die Farben verschwanden, das Licht erlosch. Kälte und Unschönheit, wohin sie blickte. Auch was sie gehofft, geliebt und gewirkt hatte, verhüllte sich vor ihrem geistigen Auge in das Grau der Dämmerung. Es war für sie wie für die ganze Natur die Stunde der Ermüdung, der Niederlage, der Ohnmacht. Sie dachte daran, daß ihr eigenes Herz, das jetzt in sprudelnder Freude das Dasein in Gold und Purpur hüllte, daß dies Herz vielleicht einmal seine Kraft, ihre Welt zu erleuchten, einbüßen würde.
»Ach, Ohnmacht, Ohnmacht meines eigenen Herzens!« sagte sie zu sich selber. »Du erstickende graue Dämmerung,
du wirst einstmals auch in meiner Seele Herrscher werden! Da werde ich das Leben häßlich und grau erblicken, wie es vielleicht ist, da wird mein Haar ergrauen, mein Rücken sich krümmen, mein Gehirn erlahmen.«
In demselben Augenblick bog der Schlitten in den Hof des Amtmanns ein, und als die junge Gräfin aufschaute, fiel ihr Blick auf ein vergittertes Fenster in einem Seitengebäude, und dahinter gewahrte sie ein Gesicht mit ein paar zornigen Augen.
Dies Gesicht gehörte der Majorin von Ekeby, und die junge Frau fühlte, daß es nun mit ihrer Freude für heute Abend ein Ende hatte. Man kann wohl fröhlich sein, wenn man den Kummer nicht sieht und ihn nur als etwas ganz Entferntes erwähnen hört. Schwerer ist es, die Freude des Herzens zu bewahren, wenn man der bittern Not von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht.
Die Gräfin weiß wohl, daß der Amtmann die Majorin hat arretieren lassen und daß sie wegen der Gewalttat verklagt werden soll, die sie in jener Nacht verübte, als der große Ball auf Ekeby stattfand. Aber sie hat nicht daran gedacht, daß sie dort auf dem Gehöft des Amtmanns in Verwahrsam gehalten wird, so nahe dem Ballsaal, daß man von dort in ihr Zimmer hineinsehen kann, so nahe, daß sie die Tanzmusik und den fröhlichen Lärm hören muß. Und der Gedanke an sie raubt der Gräfin alle Freude.