»Nein, Henrik, das bin ich auch nicht.«
»Ja, aber die Schönste hier im Schlitten bist du; das kannst du doch nicht leugnen!«
Nein, das konnte sie nicht, denn Graf Henrik ist nicht schön, er ist ebenso häßlich, wie er dumm ist. Man pflegt von ihm zu sagen, der Kopf, der auf seinen Schultern sitzt, habe sich mehrere hundert Jahre hindurch in der Familie vererbt; deswegen sei das Gehirn bei dem letzten Erben so abgenutzt. »Der Kopf ist bei seinem Vater und bei seinem Großvater in Gebrauch gewesen; woher sollte sonst wohl das Haar so dünn, das Kinn so spitz, sollten die Lippen so blutlos sein?«
Er ist stets von Spaßmachern umgeben, die ihn verleiten, Dummheiten zu sagen, die sie dann in verbesserter Auflage weiterverbreiten. Ein wahres Glück für ihn ist es, daß er nichts davon merkt. Er selber ist feierlich und würdevoll in seinem ganzen Auftreten; er kann es sich nicht vorstellen, daß andere nicht ebenso sein sollten.
Die Würde ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, er bewegt sich gemessen, geht steif einher, dreht nie den Kopf herum, ohne daß sich nicht der ganze Körper mitdreht.
Aber die junge Gräfin hat ihn doch lieb, trotz seines Greisenkopfes. Sie ahnte ja nicht, als sie ihn da unten in Rom sah, daß er in seinem eigenen Lande von einer solchen Märtyrerglorie der Dummheit umgeben ist. Da unten hatte etwas von dem Glanz der Jugend über ihm gelegen, und sie waren unter höchst romantischen Umständen miteinander vereint worden. Man mußte nur die junge Gräfin erzählen hören, wie Graf Henrik sie entführt hatte. Mönche und Kardinäle waren rasend darüber, daß sie die Religion ihrer Mutter, in der sie aufgewachsen war, verlassen und zum Protestantismus übertreten wollte. Der ganze Pöbel war in Aufruhr, der Palast ihres Vaters war belagert worden. Henrik wurde von Banditen verfolgt, ihre Mutter und ihre Schwestern flehten sie an, diese Ehe aufzugeben. Ihr Vater aber war wütend, daß das italienische Pack ihm verbieten wollte, seine Tochter zu geben, wem er wolle. Er befahl Graf Henrik, sie zu entführen. Und dann, da es unmöglich für sie war, zu Hause getraut zu werden, schlichen sie und Henrik durch allerlei Hintergassen nach dem schwedischen Konsulat. Und nachdem sie dort ihrem katholischen Glauben entsagt und Protestantin geworden war, wurden sie sofort getraut und in einem mit ein paar feurigen Pferden bespannten geschlossenen Wagen gen Norden gesandt. »Zum Aufgebot blieb uns keine Zeit, das seht ihr wohl ein,« pflegte die junge Gräfin zu sagen, »und es war ja ungemütlich, auf dem Konsulatsbureau
getraut zu werden, statt in einer unserer schönen Kirchen, aber sonst hätte Henrik mich nicht bekommen. Da unten sind sie alle so heißblütig, sowohl Papa als Mama und die Kardinäle und die Mönche, alle sind sie leicht erregbar. Deswegen mußte alles so heimlich vor sich gehen, denn wenn die Leute uns hätten wegschleichen sehen, würden sie uns wohl alle beide totgeschlagen haben, nur um meine Seele zu retten. Henrik hielten sie ja für einen Verlorenen.«
Aber die junge Gräfin hat ihren Mann lieb, auch nachdem sie in der Heimat ihr ruhigeres Leben auf Borg begonnen haben. Sie liebt bei ihm den Glanz des alten Namens und die berühmten Vorfahren. Es freut sie zu sehen, wie ihre Nähe sein steifes Wesen mildert, zu hören, wie seine Stimme weich wird, wenn er mit ihr spricht. Und außerdem hat er sie lieb und verhätschelt sie, und dann ist sie nun ja einmal mit ihm verheiratet. Die junge Gräfin kann es sich nicht anders denken, als daß eine verheiratete Frau ihren Mann liebhaben muß.
Gewissermaßen entspricht er auch ihrem Ideal von Männlichkeit. Er ist rechtschaffen und wahrheitsliebend. Er hat niemals ein gegebenes Wort gebrochen. Sie hält ihn für einen echten Edelmann.