Die Gräfin zuckte die Achseln. »Er ist ja ganz verrückt vor Feigheit«, flüsterte sie. »Lassen Sie es geschehen! Es ist ja einerlei, ob ich gedemütigt werde. Das haben Sie ja die ganze Zeit hindurch gewollt.«
»Habe ich das gewollt? Glauben Sie, daß ich das gewollt habe? Jetzt, wo ich keine Hände mehr habe, die Sie küssen können, werden Sie verstehen, daß ich es nicht gewollt habe!« rief er aus.
Er lief nach dem Kamin und steckte seine Hände hinein. Die Flammen schlugen darüber zusammen, die Haut schrumpfte ein, die Nägel knatterten. Im selben Augenblick aber ergriff Beerencreutz ihn beim Nacken und schleuderte ihn gewaltsam durch das Zimmer. Er taumelte auf einen Stuhl und blieb dort sitzen. Er schämte sich fast über sein Benehmen. Würde sie glauben, daß er es nur aus Prahlerei getan hatte? Sich in einem mit Menschen angefüllten Zimmer so aufzuführen – das
mußte ja wie dumme Prahlerei erscheinen. Es war kein Gedanke an Gefahr dabei gewesen.
Ehe er sich vom Stuhl erhoben hatte, lag die Gräfin neben ihm auf den Knien. Sie ergriff die roten, rauchgeschwärzten Hände und betrachtete sie.
»Ich will sie küssen, ich will sie küssen,« rief sie aus, »sobald sie nicht mehr zu wund und zu krank sind.« Tränen stürzten ihr aus den Augen, während sie sah, wie sich die Brandblasen unter der versengten Haut hoben.
So ward es für sie eine Offenbarung ungekannter Herrlichkeit. Daß noch so etwas auf Erden geschehen konnte, daß so etwas um ihretwillen ausgeführt werden konnte! Was für ein Mann war er nicht, zu allem fähig, gewaltig im Guten wie im Bösen, ein Mann großer Taten, starker Worte, glänzender Eigenschaften! Ein Held, ein Held! Aus einem andern Stoffe gemacht als andere. Sklave einer Laune, der Lust eines Augenblickes, wild und schrecklich, aber im Besitz einer rasenden Kraft, nichts in der Welt fürchtend.
Sie hatte sich den ganzen Abend so bedrückt gefühlt, hatte nichts gesehen als Kummer und Grausamkeit und Feigheit. Jetzt war alles vergessen. Die junge Gräfin war wieder froh, ein Mensch zu sein. Die Dämmerungsgöttin war besiegt. Die junge Gräfin sah Licht und Farben und eine sonnige Welt.
Als die Gräfin bald darauf erfuhr, daß die Majorin befreit war, gab sie eine große Mittagsgesellschaft den Kavalieren zu Ehren. Damit begann ihre und Gösta Berlings lange Freundschaft.