Es war eine Zeit des Kummers und eine Zeit der Freude. Tränen fielen auf den Stickrahmen und löschten die Kreidestriche aus. Zur Abendzeit saß oft eine bleiche Träumerin in der Fliederlaube, und oben in Mamsell Mariens kleiner Kammer wurden neue Saiten an die Gitarre befestigt und zu deren Tönen altmodische Liebeslieder gesungen, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte.

Der junge Orgelbauer aber ging sorglos und fröhlich umher, streute Lächeln und Dienstleistungen unter diese sehnsuchtsvollen Frauen aus, die sich um ihn stritten, wenn er fern vom Hause bei seiner Arbeit war. Und endlich kam der Tag, an dem er reisen mußte.

Der Wagen stand vor der Tür, das Gepäck war schon aufgeladen, und der junge Mann sagte Lebewohl. Er küßte Madame Moräus die Hand, umarmte die weinenden Mädchen und küßte sie auf die Wangen. Er weinte selber, weil er gezwungen war zu reisen, denn er hatte einen sonnenhellen Sommer in dem kleinen Hause verlebt. Zu allerletzt sah er sich nach Mamsell Marie um.

Da kam sie in ihrem besten Staat die enge Bodentreppe herab. Die Gitarre hing ihr an einem breiten, grünen, seidenen Bande um den Hals, und in der Hand hielt sie einen Strauß Monatsrosen, denn in diesem Jahre hatten die Rosenbäume ihrer Mutter Blüten getragen.

Sie stand vor dem jungen Manne still, klimperte auf der Gitarre und sang:

»Du reisest nun von uns. Ach, kehr einst zurück, Wir sehen dich scheiden mit Schmerzen. Vergiß nicht die Freunde in deinem Glück, Wir tragen dich treulich im Herzen.«

Darauf befestigte sie die Blumen in seinem Knopfloch und küßte ihn gerade auf den Mund. Ja, und dann floh sie die Bodentreppe hinauf – die arme Alte!

Die Liebe hatte sich an ihr gerächt und sie zum Gespött für alle gemacht. Sie aber hat nie wieder auf die Liebe gescholten. Sie legte die Gitarre nicht wieder beiseite und hat es nie wieder verlernt, die Rosenbäume ihrer Mutter zu pflegen.

»Lieber traurig mit der Liebe, als fröhlich ohne sie«, pflegte sie zu sagen.