Die Zeit ging dahin. Die Majorin wurde von Ekeby fortgejagt, die Kavaliere kamen ans Ruder und es geschah, wie vorhin erzählt ist, daß Gösta Berling eines Abends der jungen Gräfin auf Borg ein Gedicht vorlas und daß sie ihm darauf die Tür wies.

Man erzählt, daß, als Gösta Berling die Tür hinter sich schloß, er einige Schlitten vor der Freitreppe vorfahren sah. Er warf einen Blick auf die kleine Dame, die in dem ersten Schlitten saß. Wie dunkel auch die Stunde für ihn war, wurde sie bei diesem Anblick doch noch dunkler. Er eilte von dannen, um nicht erkannt zu werden, aber eine Vorahnung von kommendem Unheil erfüllte seinen Sinn. Hatte die Unterhaltung da drinnen diese Frau herbeigezaubert? Ein Unglück hat stets ein anderes im Gefolge.

Diener kamen herbeigeeilt, Fußsäcke wurden aufgeknöpft, Decken beiseite geworfen. Wer war denn gekommen? War es wirklich Märta Dohna selber, die weitberühmte Gräfin?

Sie war die heiterste und leichtsinnigste von allen Frauen. Die Weltluft hatte sie auf ihren Thron erhoben und sie zu ihrer Königin gemacht. Spiele und Scherze waren ihre Untertanen. Spiel und Tanz und Abenteuer waren ihr als Anteil zugefallen, als die Lebenslose verteilt wurden. Sie war jetzt nicht weit von den Fünfzigern, aber sie gehörte zu den weisen Menschen, die nicht die Zahl der Jahre zählen. »Wer den Fuß nicht mehr zum Tanz, den Mund nicht mehr zum Lächeln bewegen

kann,« pflegte sie zu sagen – »der ist alt. Der kennt die schwere Last der Jahre – nicht ich.«

In den Tagen ihrer Jugend saß die Freude nicht ungestört auf ihrem Thron, aber die Unsicherheit und das Schwankende machten das lustige Dasein Ihrer Majestät nur noch lustiger. Ihre Majestät mit den Schmetterlingsflügeln gab den einen Tag eine Kaffeegesellschaft in den Hofdamenzimmern auf dem Stockholmer Schloß, tanzte den nächsten Tag im Frack und mit dem Knotenstock bewaffnet in Paris, besuchte Napoleons Feldlager, segelte auf Nelsons Flotte über das blaue Mittelmeer, wohnte einem Kongreß in Wien bei, wagte sich am Tage vor einer berühmten Schlacht auf einen Ball nach Brüssel. Und wo die Freude war, da war Gräfin Märta ihre auserwählte Königin. Tanzend, spielend, scherzend durchflog Gräfin Märta die Welt. Was hatte sie nicht gesehen, was hatte sie nicht erlebt? Sie hatte Throne umgetanzt, um Fürstentümer im Ecarté gespielt, hatte darüber gelacht, wenn verheerende Kriege über Europa dahingebraust waren.

War die Freude zeitenweise heimatlos in der zu einem Schlachtfeld verwandelten Welt, so pflegte sie auf längere oder auf kürzere Zeit nach dem alten Grafenschloß am Löfsee zu ziehen. Dahin war sie auch gezogen, als die Fürsten und ihr Hof ihr zur Zeit der Heiligen Allianz zu trübselig wurden. In einer solchen Zeit hatte sie es für gut befunden, Gösta Berling zum Hauslehrer ihres Sohnes zu machen. Sie pflegte sich wohl zu fühlen da oben. Niemals hatte die Freude ein herrlicheres Reich. Da waren Gesang und Spiel, zu Abenteuern aufgelegte Männer und schöne, lebensfrohe Frauen. Da fehlte es

nicht an Gastmählern oder Bällen, an Segelfahrten auf mondbeschienenen Seen oder Schlittenfahrten durch dunkle Wälder oder an herzerschütternden Ereignissen oder an der Liebe Freuden und Schmerzen. Seit dem Tode ihrer Tochter aber hatte sie ihre Besuche auf Borg eingestellt; sie hatte das Schloß seit fünf Jahren nicht gesehen. Jetzt kam sie, um sich zu überzeugen, wie ihre Schwiegertochter das Leben da oben zwischen den Tannenwäldern, Schneeschanzen und Bären aushalten könne. Sie hielt es für ihre Pflicht, nachzusehen, ob der dumme Henrik sie nicht mit seiner Langweiligkeit zu Tode gepeinigt hatte. Jetzt wollte sie des Hauses milder Engel sein. Sonnenschein und Glück lagen wohlverpackt in ihren vierzig ledernen Koffern, Heiterkeit hieß ihre Kammerzofe, Scherz ihr Kutscher, Spiel ihre Gesellschaftsdame.

Und als sie die Treppe hinaufflog, wurde sie mit offenen Armen empfangen. Ihre alte Wohnung im unteren Stockwerk stand für sie bereit. Ihr Diener, ihre Kammerzofe, ihre Gesellschaftsdame, ihre vierzig ledernen Koffer, ihre dreißig Hutschachteln, ihre Necessaires, ihre Schals und Pelze, alles kam nach und nach ins Haus. Überall herrschte Lärm und geschäftiges Treiben. Türen wurden zugeschlagen, man lief treppauf und treppab. Es war nicht schwer zu merken, daß Gräfin Märta gekommen war.