Es war an einem Frühlingsabend, an einem wundervollen Abend, obwohl man sich erst im April befand und das Eis noch nicht geschmolzen war. Mamsell Marie saß oben auf ihrer Kammer vor dem offenen Fenster, klimperte auf der Gitarre und sang.
Sie war so vertieft in ihr Spiel und in ihre Erinnerungen, daß sie es nicht bemerkte, wie ein Wagen des Weges kam und vor dem kleinen Hause hielt. Im Wagen saß Gräfin Märta und die hatte ihren Spaß daran, Mamsell Marie zu beobachten, die am Fenster saß, die Gitarre an einem Bande um den Hals, die Augen gen Himmel gerichtet, und alte, längst abgedroschene Liebeslieder sang. Schließlich stieg die Gräfin vom Wagen und trat in das Zimmer, wo die jungen Mädchen um den Stickrahmen saßen. Hochmütig war sie nicht; der Wind der Revolution hatte sie umsaust und ihr frische Luft in die Lungen geblasen.
Sie bestellte Stickereien bei Madame Moräus und lobte die Töchter. Sie schaute sich im Rosengarten um und erzählte von ihren Reiseabenteuern. Sie erlebte stets Abenteuer. Schließlich wagte sie sich die Bodentreppe hinauf, die entsetzlich steil und schmal war, und besuchte Mamsell Marie auf ihrem Giebelstübchen.
Dort ließ sie ihre schwarzen Augen über das einsame kleine Wesen blitzen und ihre melodische Stimme einschmeichelnd in die Ohren der alten Jungfer klingen. Sie kaufte Gardinen von ihr. Sie könne nicht leben auf Schloß Borg, ohne filierte Gardinen vor allen Fenstern zu haben, und auf allen Tischen müsse sie von Mamsell Mariens filierten Decken haben.
Dann ergriff sie ihre Gitarre und sang ihr von Freude und Liebe. Sie erzählte ihr Geschichten, so daß sich Mamsell Marie mitten in die heitere, brausende Welt hinausversetzt fühlte. Und der Gräfin Lachen war eine solche Musik, daß die verfrorenen Vögel im Rosengarten zu singen begannen, als sie es hörten, und ihr Antlitz, das
kaum mehr schön war – denn der Teint war durch Schminke verdorben, und um den Mund lagen Züge roher Sinnlichkeit –, erschien Mamsell Marie so schön, daß sie nicht begriff, wie der kleine Spiegel es verschwinden lassen konnte, wenn er es einmal auf seiner blanken Fläche aufgefangen hatte. Als sie ging, küßte sie Mamsell Marie und bat sie, nach Borg zu kommen.
Mamsell Mariens Herz stand leer, wie die Schwalbennester zur Weihnachtszeit. Sie war frei, aber gleich dem alten, freigelassenen Sklaven seufzte sie nach Ketten.
Jetzt begann abermals eine Zeit der Freuden und der Sorgen für Mamsell Marie; sie währte aber nicht lange – nur acht kurze Tage. Die Gräfin holte sie jeden Augenblick nach Borg. Sie spielte ihr Komödie vor und erzählte von ihren Freiern, und Mamsell Marie lachte, wie sie nie im Leben gelacht hatte. Sie wurden die besten Freundinnen von der Welt. Bald wußte die Gräfin alles von dem jungen Orgelbauer und von dem stattgefundenen Abschied. Und in der Dämmerstunde brachte sie Mamsell Marie so weit, daß sie sich in dem kleinen blauen Kabinett in die Fensternische setzte, die Gitarre um den Hals hängte und Liebeslieder sang. Dann beobachtete die Gräfin, wie die trocknen, mageren Finger und der häßliche kleine Kopf der alten Jungfer sich gegen den roten Abendhimmel abhoben, und sie sagte, daß die arme Mamsell einem schmachtenden Burgfräulein gleiche. Aber alle Lieder handelten von verliebten Hirten und grausamen Hirtinnen, und Mamsell Mariens Stimme war so dünn, so dünn, und ein jeder wird begreifen können, daß eine solche Komödie für die Gräfin ein köstliches Vergnügen sein mußte.
Und dann ward ein Gastmahl auf Borg gegeben, was ganz selbstverständlich war, da ja die Mutter des Grafen heimgekehrt war. Wie gewöhnlich ging es munter her. Die Gesellschaft war nicht groß, es waren nur die Nachbarn.
Der Speisesaal lag im untern Stockwerk, und nach der Mahlzeit gingen die Gäste nicht wieder hinauf, sondern begaben sich in Gräfin Märtas Zimmer, die ebenfalls im Erdgeschoß lagen. Da ergriff die Gräfin Mamsell Mariens Gitarre und fing an, der Gesellschaft etwas vorzusingen. Sie war eine muntere Dame, Gräfin Märta, und sie konnte alle Menschen in Gebärden und Stimme nachahmen. Jetzt hatte sie den Einfall, Mamsell Marie zu spielen. Sie wandte den Blick gen Himmel und sang mit dünner, kreischender Kinderstimme.