werden. Der Graf hatte seinen Haushofmeister nach Italien gesandt, um Beweise zu sammeln, daß die Ehe nicht rechtmäßig gewesen sei. Dieser kehrte auch im Sommer mit hinreichenden Aufklärungen zurück. Worin diese bestanden, weiß ich nicht so genau zu sagen. Man muß behutsam mit den alten Sagen umgehen, sie sind wie halbverwelkte Rosen; sie verlieren leicht die Blätter, wenn man sie zu fest anfaßt. Die Leute behaupten, die Eheschließung in Italien sei nicht von einem richtigen Pfarrer ausgeführt. Ich weiß es nicht; eins aber steht fest: das Gericht in Bro erklärte, daß die Ehe des Grafen Dohna mit Elisabeth von Thurn niemals bestanden habe.

Davon wußte die junge Frau jedoch nichts. Sie lebte unter Bauern in einer weit entlegenen Gegend – wenn sie überhaupt noch lebte.

Liliencronas Heim

Unter den Kavalieren war einer, den ich oft als großen Musiker erwähnt habe. Er war ein hochgewachsener, grobknochiger Mann mit gewaltigem Kopf und schwarzem, buschigem Haar. Er war um diese Zeit sicher nicht mehr als vierzig Jahre, aber er hatte ein grobes Gesicht und ein gemessenes Wesen. Das machte, daß ihn viele für alt hielten. Er war ein guter Mann, aber schwermütig.

Eines Nachmittags nahm er seine Violine unter den Arm und verließ Ekeby. Er sagte niemand Lebewohl, und doch war es seine Absicht, nie wiederzukommen. Ihm ekelte vor dem Leben dort, seit er Gräfin Elisabeth in ihrem Unglück gesehen hatte. Er ging, ohne auszuruhen, den ganzen Abend und die ganze Nacht, bis er

früh am Morgen um Sonnenaufgang an ein kleines Gehöft namens Löfdala kam, das ihm gehörte.

Es war so früh, daß dort noch kein Mensch wach war. Liliencrona setzte sich auf die grüne Wippe vor dem Hauptgebäude und betrachtete sein Eigentum. Großer Gott, ein schöneres Heim gab es doch nicht auf Gottes Erdboden. Der Rasen vor dem Hause war mit feinem, hellgrünem Gras bedeckt. Einen ähnlichen Rasen gab es nicht mehr. Die Schafe durften darauf grasen, und die Kinder tummelten sich dort mit ihrem Spielzeug, er hielt sich aber immer gleich dicht und grün. Er wurde niemals gemäht, aber mindestens einmal in der Woche ließ die Hausfrau alle Zweige, alles Stroh und alle welken Blätter von dem frischen Gras fegen. Er beschaute den Kiesweg vor dem Hause und zog plötzlich die Füße zurück. Die Kinder hatten ihn spät am Abend hübsch bunt geharkt, und seine großen Füße hatten in der feinen Arbeit eine wahre Zerstörung angerichtet. Wie doch auf diesem Fleck alles wuchs! Die sechs Ebereschen, die den Hofplatz bewachten, waren so hoch wie Buchen und hatten so breite Kronen wie Eichen. Solche Bäume hatte man sicher nie zuvor gesehen. Prächtig waren sie mit den dicken, von gelben Flechten überwucherten Stämmen und mit den großen weißen Blütentrauben, die aus dem dunklen Laub hervorragten. Er mußte an den Himmel und seine Sterne denken. Es war wirklich wunderbar, wie die Bäume dort wuchsen. Da stand eine alte Weide, so dick, daß zwei Männer sie nicht zu umspannen vermochten. Sie war jetzt hohl und geborsten, und der Blitz hatte ihr die Krone geraubt, aber sie wollte nicht sterben. Jeden Frühling sproßten frische grüne

Büschel aus dem geknickten Hauptstamm auf, um zu zeigen, daß sie lebte.

Der Faulbaum an dem östlichen Giebel des Hauses war so groß geworden, daß er das ganze Haus überschattete. Das ganze mit Grassoden belegte Dach war weiß von den herabfallenden Blütenblättern, denn der Faulbaum hatte ausgeblüht. Und die Birken, die in kleinen Gruppen hier und da auf dem Felde wuchsen, für die war sein Gehöft sicher ein Paradies. Sie wuchsen dort auf so viele verschiedene Weisen, als hätten sie es sich vorgenommen, allen andern Bäumen nachzuäffen. Eine ähnelte einer Linde, dicht und blätterreich, mit einer großen Krone, eine andere stand schlank und pyramidenförmig da wie eine Pappel, wieder eine andere ließ die Zweige hängen wie eine Trauerweide. Nicht zwei waren sich gleich, aber schön waren sie alle.

Und dann erhob er sich und ging rund um das Haus herum. Dort lag der Garten so wunderbar schön, daß er stillstehen und tief aufatmen mußte. Die Apfelbäume blühten. Ja, das wußte er; das hatte er auch auf anderen Gütern gesehen. Es war nur der Unterschied, daß sie nirgends so blühten wie auf seinem Gut, wo er sie hatte blühen sehen, seit er ein kleiner Knabe war. Er ging mit gefalteten Händen und vorsichtigen Schritten die Kieswege auf und nieder.