Aber die Berge lauschen dieser Rede nicht. Sie entsenden lange Reihen von Hügeln und kahlen Hochebenen bis ganz hinab an den See. Sie bauen prächtige Aussichtstürme auf jeder Landzunge und weichen so selten von dem Ufer des Sees zurück, daß sich die Ebene nur an ganz einzelnen Stellen in dem weichen Sand des Ufers rollen kann. Aber es nützt ihr nicht, zu klagen.

»Freue du dich, daß wir hier stehen«, sagen die Berge. »Denk an die Zeit vor Weihnacht, wenn die eiskalten Nebel Tag für Tag über den Löfsee dahinrollen. Wir tun gute Dienste da, wo wir stehen!«

Die Ebene klagt darüber, daß sie zu wenig Platz und zu schlechte Aussicht hat.

»Du Törin!« antworten die Berge; »du solltest nur fühlen, wie es hier unten am See weht. Man muß allermindestens einen Rücken aus Granitstein haben und einen Pelz aus Tannen, um das aushalten zu können. Und im übrigen kannst du froh sein, daß du uns ansehen darfst!«

Und darüber ist die Ebene auch wirklich froh. Sie kennt sehr wohl jedes wunderliche Wechseln von Licht und Schatten, das über die Berge hinhuscht. Sie hat sie in der Mittagsbeleuchtung gleichsam bis zu dem Horizont hinabsinken sehen, niedrig und ganz hellblau, hat sie sich in der Morgen- und Abendbeleuchtung zu ehrwürdiger Höhe emporheben sehen, klar, blau wie der Himmel im Zenit. Zuweilen kann das Licht so scharf auf sie herabfallen, daß sie grün oder schwarzblau

werden, und jede Furche, jeden Weg, jede Schlucht sieht man da aus meilenweiter Entfernung.

Aber dann geschieht es an einzelnen Stellen, daß die Berge ein wenig zur Seite weichen und die Ebene nach dem See hinablugen lassen. Aber wenn sie dann den See in seinem Zorn erblickt, wie er faucht und speit gleich einer Wildkatze, oder wenn sie ihn mit dem kalten Rauch bedeckt sieht, der daher kommt, daß die Wasserleute büken oder brauen, da gibt sie gar bald den Bergen recht und zieht sich wieder in ihr enges Gefängnis zurück.

Seit Olims Zeiten haben die Menschen die herrliche Ebene bebaut, und sie ist gut bevölkert. Wo sich nur ein Bach mit seinem weißschäumenden Wasserfall das Ufer hinabstürzt, lag ein Sägewerk oder eine Mühle.

Auf den offenen, hellen Stellen, wo die Ebene bis an den See hinabging, lagen Kirchen und Pfarrhäuser; aber am Talrande, halbwegs am Abhang, auf den mit Steinen angefüllten Feldern, wo kein Korn gedeiht, lagen die Gehöfte der Bauern, die Offiziershäuser und hin und wieder ein Herrensitz.

Aber man darf nicht vergessen, daß die Gegend in den zwanziger Jahren lange nicht so angebaut war wie jetzt. Große Strecken, die heute fruchtbare Felder tragen, lagen damals als Wald, Sumpf und See da. Die Bevölkerung war auch nicht so zahlreich und ernährte sich teils durch Fuhren, teils durch Arbeit in Mühlen und Sägewerken und an fremden Orten; der Ackerbau konnte ihnen das Leben nicht fristen. Zu jener Zeit kleideten sich die Bewohner der Ebene in selbstgewebte Stoffe, sie aßen Haferbrot und begnügten sich mit zwölf Schilling Tagelohn. Die Not war oft groß unter ihnen; aber sie