Aber am nächsten Sonntagmorgen stand die Svartsjöer Kirche schimmernd weiß da. Keine Bildwerke störten mehr die Ruhe der inneren Betrachtung. Nur mit dem seelischen Auge sollen die Frommen die Herrlichkeit des Himmels und die heiligen Visionen schauen. Die Gebete der Menschen sollen auf ihren eigenen Schwingen zum Höchsten hinaufgelangen. Sie sollen sich nicht mehr an dem Kleidersaum der Heiligen festklammern.
Grün ist die Erde, die herrliche Wohnung der Menschen, blau ist der Himmel, das Ziel ihrer Sehnsucht. Die
Welt strahlt von Farben. Weswegen ist die Kirche weiß? Weiß wie der Winter, nackt wie die Armut, bleich wie die Angst. Sie schimmert nicht von Reif wie der Wald im Winter. Sie strahlt nicht in Perlen und Spitzen wie eine weiße Braut. In kalter, weißer Leimfarbe steht die Kirche da, ohne Bildsäule, ohne Gemälde.
An jenem Sonntag saß Graf Dohna in einem blumengeschmückten Lehnstuhl im Chor, damit alle ihn sehen und preisen könnten. Jetzt wollte er geehrt werden, weil er die alten Bänke hatte instand setzen lassen, weil er die verunglimpfenden Bildsäulen zerstört hatte, neues Glas in alle zersprungenen Fenster hatte setzen und die ganze Kirche mit Leimfarbe hatte streichen lassen. Es stand ihm ja frei, das alles zu tun. Wenn er den Zorn des Allmächtigen mildern wollte, so war es ja gut, daß er seinen Tempel schmückte, so gut er es verstand. Weshalb aber nahm er denn Lob dafür entgegen?
Er, der mit einem durch unversöhnte Strenge belasteten Gewissen kam, er hätte sich ja vor der Armenbank auf die Knie werfen und seine Brüder und Schwestern in der Kirche bitten müssen, zu Gott zu flehen, daß er ihn in seinem Heiligtum dulde. Es wäre besser für ihn gewesen, dort als armer Missetäter zu stehen, als oben im Chor zu sitzen und Lob und Ehren in Empfang zu nehmen, weil er sich hatte mit Gott versöhnen wollen.
Ach, Graf Henrik! Gott hatte dich sicher auf der Armenbank erwartet! Er ließ sich nicht dadurch betören, daß die Menschen dich nicht zu tadeln wagten. Er ist noch immer der strenge Gott, der die Steine reden läßt, wenn die Menschen schweigen.
Als der Gottesdienst beendet und der letzte Gesang
gesungen war, verließ niemand die Kirche, der Pfarrer aber stieg auf die Kanzel, um dem Grafen eine Dankesrede zu halten. Aber so weit sollte es denn doch nicht kommen!
Denn die Tür öffnete sich plötzlich, und die alten Heiligen kamen wieder herein, triefend vom Wasser des Löfsees, beschmutzt von grünem Schlamm und braunem Morast. Sie hatten wohl gehört, daß hier dem eine Lobrede gehalten werden sollte, der sie aus Gottes heiligem Haus vertrieben und sie in die kalten, auflösenden Wogen versenkt hatte. Die alten Heiligen wollten auch ein Wort mit zu reden haben.
Sie lieben das einförmige Plätschern der Wellen nicht.