Mittel hatten es ihm erst spät erlaubt, sich zu verheiraten. Hatte er jetzt nicht sein gutes Auskommen durch sein Gehalt und seine Amtswohnung? Was sollte wohl einen solchen Mann dazu verleiten, Armbänder und Ringe zu stehlen? Und noch wunderbarer erschien es ihr, daß ein solches Gerücht Glauben finden und so klar bewiesen werden konnte, daß Hauptmann Lennart seinen Abschied bekam, seinen Orden verlor und zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde.

Er hatte selber gesagt, er sei auf dem Markt gewesen, sei aber von dort heimgekehrt, ehe er von dem Diebstahl gehört habe. Auf der Landstraße habe er eine häßliche, alte Spange gefunden, die er mitgenommen und seinen Kindern geschenkt habe. Aber diese Spange war von Gold und gehörte zu den gestohlenen Sachen; und das wurde sein Unglück. Aber im Grunde war Sintram an allem schuld gewesen. Der böse Mann hatte den Ankläger gespielt und ein Zeugnis abgegeben, das ihn gefällt hatte. Es schien für ihn ganz notwendig gewesen zu sein, Hauptmann Lennart aus dem Wege zu schaffen, denn bald darauf wurde eine gerichtliche Verhandlung gegen ihn selber eingeleitet, weil man entdeckte, daß er den Norwegern in dem Kriegsjahre 1814 Pulver verkauft hatte. Man glaubte allgemein, daß er Hauptmann Lennart als Zeugen gefürchtet habe. Jetzt wurde er wegen mangelnder Beweise freigesprochen.

Die Wirtin konnte sich nicht satt sehen an dem Manne. Sein Haar war grau geworden und sein Rücken gebeugt – er hatte sicher harte Tage durchgemacht. Aber sein freundliches Gesicht und seine gute Laune hatte er noch. Er war noch derselbe Hauptmann Lennart, der sie als

Braut an den Altar geführt und auf ihrer Hochzeit getanzt hatte. Noch immer blieb er am Wege stehen, um mit jedem Menschen zu reden, der ihm begegnete, um jedem Kinde eine Münze zuzuwerfen; er würde noch jedem alten, runzeligen Weibe sagen, daß sie mit jedem Tage jünger und schöner werde, er konnte sich noch sehr wohl auf eine Tonne stellen und den Leuten aufspielen, die um einen Maibaum tanzten. Ach Gott, ja!

»Nun, Mutter Karin,« begann er, »mag Sie mich denn nicht einmal ansehen?«

Er war eigentlich eingekehrt, um zu hören, wie es den Seinen daheim ergehe, ob sie ihn erwarteten. Sie mußten ja wissen, daß er seine Strafe ungefähr um diese Zeit verbüßt hatte.

Die Wirtin hatte nur Gutes zu berichten. Seine Frau sei so tüchtig gewesen wie ein Mann. Sie habe die Amtswohnung von dem neuen Inhaber gepachtet, und alles sei ihr wohl gelungen. Die Kinder seien munter, es wäre ein Vergnügen, sie anzusehen. Und natürlich erwarteten sie ihn. Die Frau des Hauptmanns war eine strenge Frau, die niemals über das sprach, was sie dachte; so viel aber wußte die Wirtin, daß niemand mit Hauptmann Lennarts Löffel hatte essen oder in seinem Stuhl hatte sitzen dürfen, während er fort war. Jetzt im Frühling war kein Tag vergangen, wo sie nicht auf den höchsten der Brobyer Hügel gegangen war und den Weg hinabgeschaut hatte, ob er wohl nicht kam. Und neue Kleider hatte sie für ihn bereit, eigengemachte Kleider, die sie fast ausschließlich allein angefertigt hatte. An alledem konnte man doch sehen, daß er erwartet wurde, selbst wenn sie nichts sagte.

»Sie glauben es doch nicht?« fragte Hauptmann Lennart.

»Nein, Herr Hauptmann,« erwiderte die Bauernfrau, »niemand glaubt es!«

Da hielt es Hauptmann Lennart nicht länger im Zimmer, da wollte er heim.