Gleich darauf kam die Entscheidung. Von der Diele her vernahmen sie einen schweren Fall.
Sie erfuhren niemals, ob Melchior Sinclaire auf der Treppe gestanden und durch das geöffnete Eßstubenfenster Mariannens Worte gehört hatte, oder ob nur die körperliche Anstrengung den Schlaganfall herbeigeführt hatte. Als sie hinauskamen, lag er besinnungslos da. Sie wagten niemals, nach der Veranlassung zu fragen. Er selbst ließ sich niemals etwas darüber merken. Marianne wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, daß sie sich unfreiwillig gerächt hatte. Aber der Anblick des Vaters, der dort auf derselben Treppe lag, wo sie gelernt hatte ihn zu hassen, nahm auf einmal die Bitterkeit aus ihrem Herzen.
Er kam bald wieder zum Bewußtsein, und als er sich ein paar Tage ruhig verhalten hatte, war er wieder der Alte – und doch ein ganz anderer.
Marianne sah die Eltern Arm in Arm im Garten lustwandeln. Das taten sie jetzt immer. Er ging nie mehr allein und verreiste niemals. Wenn Besuch kam, so ward er verstimmt, wie über alles, was ihn von seiner Frau trennte. Das Alter war plötzlich über ihn gekommen. Er konnte sich nicht dazu entschließen, einen Brief zu schreiben. Seine Frau mußte es tun. Er entschied nicht das geringste auf eigene Hand, sondern fragte sie nach allem und ließ alles so geschehen, wie sie selber es bestimmte. Und er war stets sanft und freundlich. Er fühlte selber, wie sehr er sich verändert hatte und wie glücklich seine Frau darüber war. »Sie hat jetzt gute Tage«, sagte er eines Tages zu Marianne und zeigte auf Frau Gustava.
»Ach, lieber Melchior,« rief sie aus, »du weißt, ich sähe es weit lieber, daß du wieder gesund würdest!«
Und das wünschte sie sicher. Es war ihre größte Freude,
von dem starken Gutsherrn zu erzählen, wie er in den Tagen seiner Kraft gewesen war. Sie erzählte, wie er es vertragen konnte, in ewigem Saus und Braus zu leben, besser als irgendeiner der Ekebyer Kavaliere, wie er Geschäfte abschloß und viel Geld verdiente gerade dann, wenn sie glaubte, daß er sie in seiner Wildheit um Haus und Hof bringen würde. Marianne aber wußte, daß sie trotz all ihrer Klagen glücklich war. Ihrem Manne alles sein zu dürfen, das genügte ihr. Sie sahen beide alt aus, gebrochen vor der Zeit. Marianne meinte sehen zu können, wie sich ihr Leben mit der Zeit gestalten würde. Er würde nach und nach schwächer und schwächer werden, ein Schlaganfall nach dem andern würde ihn immer hilfloser machen, und sie würde um ihn sein und ihn pflegen, bis der Tod sie schied. Das Ende konnte ja aber in weiter Ferne liegen; Frau Gustava konnte ihr Glück noch eine Zeitlang behalten. So mußte es sein, meinte Marianne, das Leben schuldete ihr noch so viel.
Auch mit ihr selber war es besser geworden. Es war keine hoffnungslose Verzweiflung, die sie zwang, sich zu verheiraten, um einen andern Herrn zu finden. Ihr wundes Herz hatte Ruhe gefunden. Der Haß hatte es durchsaust wie die Liebe, aber sie dachte nicht mehr an die Qualen, die sie dadurch erlitten hatte. Sie mußte erkennen, daß sie ein wahrerer, größerer, reicherer Mensch geworden war als ehemals; weshalb sollte sie da das Geschehene ungeschehen wünschen? Führte vielleicht jedes Leiden zu etwas Gutem? Konnte sich noch alles zum Glück wenden? Sie hatte angefangen, alles das zum Guten zu rechnen, was dazu beitragen konnte, sie zu einem höheren Grad der Menschlichkeit zu entwickeln.
Die alten Lieder hatten nicht recht. Der Kummer war nicht das einzige, was von Bestand war. Sie wollte nun fortreisen und versuchen, einen Platz zu finden, wo sie Nutzen schaffen konnte. Wäre ihr Vater noch so gewesen wie früher, so würde er ihr niemals gestattet haben, ihre Verlobung aufzuheben. Jetzt hatte Frau Gustava mit milder Hand die Sache geordnet. Marianne hatte sogar die Erlaubnis erhalten, Baron Adrian das Geld zu geben, dessen er bedurfte.
Auch seiner konnte sie mit Freude gedenken – jetzt war sie ja frei! Er hatte sie mit seiner Lebenslust und Kühnheit stets an Gösta erinnert, jetzt wollte sie ihn wieder fröhlich sehen. Er sollte wieder der Ritter Sonnenschein sein, der in seinem ganzen Glanz auf den Hof ihres Vaters gekommen war. Sie wollte ihm Erde verschaffen, in der er pflügen und säen konnte, soviel sein Herz begehrte, sie wollte es erleben, daß er eine schöne Braut an den Traualtar führte.