Ehe die Gräfin antworten konnte, trat Gösta Berling ins Zimmer.
»Komm hierher, Gösta«, sagte die Majorin sofort, und ihre Stimme wurde noch schärfer und härter. »Komm hierher, du, der du von der ganzen Umgegend gepriesen wirst! Komm her, du, der du willst, daß man dich nach deinem Tode den Erretter des Volkes nennen soll. Jetzt sollst du hören, wie es deiner alten Majorin ergangen ist, die du verlassen und verachtet im Lande umherziehen ließest.
»Zuerst will ich erzählen, wie es mir erging, als ich in diesem Frühling zu meiner Mutter kam, denn du sollst den Schluß der Geschichte kennen.
»Im März erreichte ich den Hof in den Elfdalswäldern, Gösta. Ich sah nicht viel anders aus als ein Bettelweib. Als ich kam, sagte man mir, meine Mutter sei in der Milchkammer. Dahin ging ich und stand lange schweigend an der Tür. Ringsumher an den Wänden auf langen Borten standen die blanken Kupferschalen mit Milch. Und meine Mutter, die mehr als neunzig Jahre zählte, nahm eine Milchschüssel nach der andern herunter und schöpfte die Sahne ab. Sie war flink genug dabei, aber ich merkte wohl, wie schwer es ihr ward, an die Milchschalen hinanzureichen. Ich wußte nicht, ob sie mich gesehen hatte, aber nach einer Weile redete sie mich mit einer eigentümlich scharfen Stimme an.
»‘So ist es dir denn ergangen, wie ich es dir gewünscht habe’, sagte sie. Ich wollte reden und sie um Verzeihung
bitten, aber das nützte mir nichts. Sie hörte kein Wort davon – sie war stocktaub. Nach einer Weile aber sagte sie: ‘Du kannst mir helfen.’
»Und dann ging ich hin und sahnte die Milch. Ich nahm die Schüsseln in der richtigen Reihenfolge herunter und setzte alles an seinen Platz und schöpfte tief genug mit dem Sahnenlöffel, und sie war zufrieden. Keiner der Mägde hatte sie das Sahnen der Milch anvertrauen können; ich wußte ja aber aus alten Zeiten, wie sie es haben wollte.
»‘Diese Arbeit kannst du von jetzt an übernehmen’, sagte sie, und damit wußte ich, daß sie mir vergeben hatte.
»Und dann war es plötzlich, als könne sie mit einem Schlage nicht mehr arbeiten. Sie saß still in ihrem Lehnstuhl und schlief fast den ganzen Tag. Einige Wochen vor Weihnachten starb sie. Ich wäre gern früher gekommen, Gösta, aber ich konnte die Alte nicht verlassen.«
Die Majorin hielt inne. Es ward ihr schwer zu atmen, aber sie ermannte sich und fuhr fort: