Abermals war die Pfarrerstochter tiefgerührt, sie konnte kaum antworten. Aber die Tante ließ es nicht wieder zum Weinen bei ihr kommen, sondern fing nun an, sie über Lövdala auszufragen. Sie erwähnte die Stiefmutter oder irgend etwas anderes Unangenehmes gar nicht, sondern fragte nur nach Sachen, die Maja Lisa keinen Kummer machten. Wie es der Großmutter gehe? Ob ihre Stube im Brauhaus noch immer so blitzblank sei? Wie es bei der alten Bengta im Gesindehaus aussehe. Wohl noch ebenso schmutzig wie früher? Ob das Käuzchen noch auf dem Boden hause? Ob die Drossel noch in dem Tannenwipfel über dem Ruhestein sitze und an den Frühlingsabenden so herrlich zwitschere? Ob es auch in den letzten Jahren noch Maiblumen in dem Birkengehölz hinter dem Obstgarten gegeben habe? Ob das alte, auf Pfosten errichtete Vorratshaus noch stehe? Und ob das neue Pfarrhaus, das Maja Lisas Vater hatte bauen

lassen, ganz so wie das alte sei? Und ob in dem alten düsteren Schafstall auch jetzt noch Schafe seien?

Voller Verwunderung hörte die Pfarrerstochter zu. Nach allem fragte die Tante, nichts, nichts vergaß sie.

Zum Schluß sprach sie auch noch ein wenig von sich selbst.

»Siehst du, Maja Lisa, in der ersten Zeit nach meiner Verheiratung ging ich heim nach Lövdala, sooft ich nur konnte. Ich sah wohl, daß das den Leuten hier auf Svansskog nicht angenehm war; aber ich ging trotzdem, denn ich hatte Heimweh, und im Anfang war ich gar nicht glücklich hier. Es war nicht so leicht für mich, das kann ich dir sagen. Ich hatte hier eine Schwiegermutter, die gerade so gegen mich war, wie deine Stiefmutter gegen dich ist. Und noch ein anderer war auch sehr streng und hart. Wir waren damals keine so guten Freunde, wie wir später geworden sind, und das, das war das Schlimmste für mich.

Aber dann wurde mir eines klar: Sooft ich wieder nach Lövdala ging, wurde mir die Rückkehr immer schwerer. Und schließlich konnte ich nicht mehr anders, ich mußte mit mir selbst ins Gericht gehen und mich fragen, wie ich es eigentlich haben wollte. Diesen Ort hier hatte ich mir zur Heimat erwählt, und hier mußte ich leben, und da war es doch wohl dumm, wenn ich mein Leben mit dem Heimweh nach dem, was ich verlassen hatte, vertrödelte. Da faßte ich meinen Entschluß: Nie wieder wollte ich nach Lövdala gehen, und nichts mehr wollte ich mit den Leuten auf Lövdala zu tun haben, ganz und gar wollte

ich vom Alten wegkommen. Und das war das Richtige für mich. Von da an wurde ich selbst ruhiger; und als die anderen begriffen, daß ich ihnen im Ernst angehören wollte, änderten sie ihr Benehmen gegen mich; sie beobachteten mich scharf, wenn ihr mich besuchtet, aber sie sahen und verstanden, daß ich mir alle Mühe gab, mich auch gegen euch fremd zu stellen.

Ja, ich hatte eine dicke, feste Mauer zwischen mir und euch aufgerichtet und meinte, nichts auf der Welt könnte sie je wieder einreißen. Aber das hatte ich allerdings nicht mit in Rechnung genommen, daß jemals eine Pfarrerstochter von Lövdala, ebenso klein und zart wie ich in ihrem Alter auch gewesen war, zu mir kommen und mich um Hilfe bitten würde. Siehst du, da war es zu Ende mit aller meiner Kraft.

Aber glaube ja nicht, ich werde deshalb irgendwelche Unannehmlichkeiten hier haben. Weißt du, was ich vorhin, als du schliefst, getan habe? Oh, da zog ich meinen Mann am Ärmel, nahm ihn mit hierher an die Türe und ließ ihn durch einen Spalt einen Blick auf dich hineinwerfen. Und dann erzählte ich ihm, wie alles zusammenhing, und fragte ihn, ob er etwas dagegen hätte, wenn ich dir helfe. Aber nun sollst du hören, was er darauf sagte.

Das sagte er: ‘Die, die da drinnen liegt, sieht ganz genau so aus, wie du selbst ausgesehen hast, als du zuerst zu mir kamst; und das sage ich dir, wer der da drinnen nicht hilft und beisteht, der bekommt es mit mir zu tun.’«