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Der Finnenpfarrer

Es war wie verhext, Maja Lisa mußte immerfort an die Stiefmutter denken. Den ganzen Morgen war diese ihr nicht aus den Gedanken gekommen, und obgleich sie wußte, daß auf Lövdala das Lichterziehen in vollem Gange war, fuhr sie doch jedesmal unwillkürlich zusammen, wenn jemand die Türe öffnete, in heller Angst, die Stiefmutter könnte eintreten und sehen, wie schlecht sie sich benahm.

Denn ach, wenn Mutter wüßte, daß sie bis acht Uhr morgens geschlafen hatte! Ja, und noch mehr; die Tante war so gut gegen sie gewesen und hatte ihr selbst Kaffee ans Bett gebracht, obgleich alles Kaffeetrinken von Seiner Majestät dem König verboten war. O weh, die Stiefmutter, die so streng darauf hielt, daß allen Verordnungen aufs genaueste nachgekommen wurde, die wäre sicher über die Maßen empört gewesen, und die beiden roten Flecke hätten auf ihren Wangen gebrannt!

Oder gar, wenn Mutter gesehen hätte, wie die Tante an diesem Tag alle Arbeit liegen und stehen ließ, nur um mit Maja Lisa auf der Bank zwischen dem Fenster und dem breiten Wohnzimmertisch plaudern zu können! Ja,

oder wenn sie die Tante lachen gehört hätte, als die Nichte von der Stiefmutter und allen ihren Taten erzählte!

Denn jetzt, wo Maja Lisa ausgeruht hatte, war sie gar keine Tränenliese mehr, sondern lachte nur über alle ihre Widerwärtigkeiten. Die Stiefmutter hatte wohl gedacht, die Tante werde gegen Maja Lisa geradeso sein wie sie, und sie wäre sicherlich sehr ärgerlich gewesen, wenn sie dahintergekommen wäre, wie sehr sie sich getäuscht hatte.

Aber wenn sie nun gekommen wäre und dann Maja Lisa allein mit der Tante angetroffen hätte, wäre das erst nicht so gefährlich gewesen. O nein, wäre sie später am Tag gekommen, dann hätte es schlimmer ausfallen können!

Im Lauf des Vormittags fuhr plötzlich ein Reisender an der Herberge vor. Rasch wendete sich Maja Lisa dem Fenster zu, und da sah sie einen großen schönen Mann aus einem kleinen grün angestrichenen Schlitten steigen. Er trug einen Anzug aus eigengewobenem Fries, der ganz hell, ja fast weiß war; er hatte keinen Pelzrock an, aber an der freimütigen Art, mit der er dem Hausherrn die Hand schüttelte, konnte man gleich sehen, daß er ein Herr von Stand war.

Die Tante war so an die Ankunft von Reisenden gewöhnt, daß sie sich nicht einmal die Mühe nahm, zum Fenster hinauszusehen. Maja Lisa mußte sie erst auffordern, sich doch umzudrehen und ihr zu sagen, wer der schöne Herr sei.