Weiter als bis auf den Gipfel dieses Hügels pflegte sie nie zu gehen. Da droben lag dicht am Wegrand ein großer Felsblock, und auf diesen setzte sie sich dann eine Weile. Auf der Vorderseite des Felsens war ein kleiner Sitzplatz ausgehauen, gerade groß genug, daß sie und die Kleine zur Not darauf Platz hatten. Maja Lisa schloß die Augen und fühlte sich so müde, daß sie nichts sagen konnte, und die Kleine verhielt sich auch ganz still. Einmal öffnete die Pfarrerstochter die Augen und schaute sich um, weil sie geglaubt hatte, die Kleine sei aufs neue ausgeschwärmt. Aber sie saß noch neben ihr und strich sachte mit der Hand über einen Zipfel von Mamsell Maja Lisas Kleid, der zufällig auf ihrem Knie liegengeblieben war.
Ach, alles war so betrübt für die Pfarrerstochter, für sie, die Lövdala und das ganze Kirchspiel hätte erben sollen! Es kam ihr vor, als sei dieses Kind hier jetzt der einzige Mensch, der sie nicht verlassen hatte.
Ja, gerade deshalb fühlte sie sich alt und schwach, weil sie von allen verlassen worden war. Sie war ebenso einsam wie jemand, dem alle seine Freunde gestorben und ins Grab gesenkt worden sind.
Seit jenem Tage in Svansskog war sie mit niemand mehr zusammengetroffen, der ihr wohlwollte und sich ihrer annahm. Nachdem sie wieder daheim war, hatte sie
zuerst jeden Tag erwartet, es werde jemand kommen, der sie von aller ihrer Not und Drangsal befreite. Sie wußte nicht, wer kommen sollte, und wußte auch nicht, wie er es anstellen sollte, ihr zu helfen; aber sie meinte, in jenen beiden Tagen habe sich soviel Merkwürdiges zugetragen, und wenn es so gut angefangen hatte, müßte es auch so weitergehen.
Aber seither war ein Tag um den andern vergangen, ohne daß sich irgend etwas ereignet hatte. Woche folgte auf Woche, und eine war der andern so ähnlich gewesen, daß Maja Lisa sie in ihrer Erinnerung nicht auseinanderhalten konnte.
Ja, unbegreiflich und sonderbar war es, daß alles so ruhig um sie her verblieb. Manchmal bildete sie sich ein, es müßten weit draußen in der Welt Dinge geschehen, die sie angingen. Bisweilen fühlte sie sich von Stimmen umgeben, die mit ihr sprachen, bisweilen auch überkam sie Angst, weil sich niemand nach ihr sehnte und ihr zu Hilfe kam. Aber der ganze Februar, der ganze März und fast der ganze April waren jetzt vergangen, und bis zum heutigen Tag war weder Botschaft noch Brief zu ihr gedrungen von denen, die frei waren, die sich bewegen konnten, wie sie wollten, und die nicht in einem eisernen Käfig eingesperrt waren.
Nun wurde ihr allmählich klar: – niemand würde kommen. Sie mußte ihren Kampf allein auskämpfen, ohne irgendwelche Hilfe. Aber ach, es war so schwer, alle Hoffnung aufzugeben! Nun hatte sie gemeint, recht starke und gute Freunde gefunden zu haben, und sie
konnte es noch nicht fassen, daß sie sich gar nicht um sie kümmerten.
Der alte Felsblock, auf dem sie saß, sollte schon zu der Zeit hier am Wegrand gelegen haben, als Lövdala nur eine Sennerei mitten im wilden Walde gewesen war, zu der die Sennerinnen jeden Sommer mit ihren Kühen und Geißen zogen. Da habe einmal ein junger Bursche einen Sitzplatz in den Felsen gehauen, damit sein Schatz ein Plätzchen zum Ausruhen hätte. Hier vom Gipfel des Berges, auf dem der Felsblock lag, konnte man bis zum Lövsee und zur Kirche hinsehen, und sicher hatte von denen, die die Herde hier weideten, gar oft ein Mädchen hier gesessen und nach jemand ausgeschaut, der sie abholen und aus der Einöde zu den Menschen zurückführen würde. Ja, Maja Lisa fühlte, wenn sie hier saß, ganz deutlich, daß an diesem Platz oft mit bitterem Heimweh gekämpft worden war.