An der Sache selbst hätte es freilich nichts geändert. Und wenn sie sich in der allergrößten Not befunden hätte, sie wäre ebenso böse auf ihn geworden, weil er nur aus Mitleid um sie warb. Auf einen andern wäre sie nicht so aufgebracht geworden, auch nicht auf seinen Bruder, wenn es dieser ebenso gemacht hätte.
Plötzlich blieb sie stehen. Warum war sie denn gerade über ihn so erregt? Die Antwort brach wie eine Offenbarung über sie herein. Weil – weil sie ihn liebte!
Ja, ach ja! Dies war die Liebe! Die Liebe! Sie hatte in den Büchern von ihr gelesen, hatte in Liedern von ihr gesungen, aber im eigenen Herzen hatte sie sie bisher noch nie verspürt gehabt. Nun aber hatte es den ganzen Frühling hindurch wie ein schwaches Feuer in ihr geglimmt, sie aber hatte das Gefühl nicht mit Namen nennen können. Doch jetzt schlug die Liebe in ihr empor wie ein loderndes Feuer, und sie verwunderte sich fast, daß die Flammen nicht aus ihr herausschlugen.
Da wandte sich Maja Lisa um. Alles war auf einmal ganz anders geworden. In ihrem Herzen brannte die Liebe. Seit dieses große Wunder geschehen war, war sie nicht mehr dieselbe. Sie konnte dem, der schuld daran
war, daß sie die Liebe kennengelernt hatte, nicht mehr böse sein.
Er war ihr nachgegangen und hatte sie beinahe eingeholt. Als sie sich nun so plötzlich umdrehte, standen sie einander Auge in Auge gegenüber.
Wahrhaftig, mußte nicht eine solche Flammenglut wie die, die jetzt in ihr brannte, auf den andern überspringen? In seinen Augen flammte ein Widerschein auf, oder war es vielleicht nicht nur ein Widerschein? Sie schienen ihr zu stark zu glänzen, diese Augen! Maja Lisa wußte ja noch so wenig von der Liebe, die Leidenschaft aber, mit der er sie jetzt an sein Herz drückte, schien dieselbe heiße Sehnsucht auszudrücken, die sie zu ihm hinzog.
Ihr Erstaunen war unbeschreiblich. Sie wußte nicht, ob sie ihren Sinnen trauen dürfte. Aber die Worte, die er jetzt in kurzen Ausrufen hervorstieß, diese beglückenden Fragen, ob sie ihn liebe, dieses feurige Bekenntnis, daß er sie vom ersten Augenblick an geliebt, sich aber seiner Schwachheit geschämt habe, diese schmerzliche Reue darüber, daß er sich selbst etwas vorzulügen gesucht und sich vor seiner Liebe versteckt hatte, diese trotzige Rede, daß er jetzt weder nach Lebenden noch nach Toten frage, wenn nur sie ihn liebe – konnte es anders sein, als daß sein Herz in derselben verzehrenden Liebe für sie glühte wie das ihre für ihn?
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